Neurowissenschaftliche Sicht und neueste Erkenntnisse – der Vagus-Nerv.

Autonomes Nervensystem (ANS) und die Polyvagal-Theorie

Neue wissenschaftliche Disziplinen haben im Laufe der letzten Jahre zu einer wahren Explosion des Wissens über die langfristigen Auswirkungen von fehlender Einstimmung, Vernachlässigung, emotionaler und/oder körperlicher Misshandlung oder Gewalt geführt. Es sind vor allem die Neurowissenschaft und die Erforschung, welche Rolle das Gehirn und unser Nervensystem, und somit unser Körper bei den mentalen Prozessen spielen, die aktuell die modernen Methoden der Psychotherapie bestimmen.

Die meisten Menschen glauben, wir verfügen nur über ein Defensivsystem, das uns entweder Kampf oder Flucht ermöglicht. Auch praktisch jedes Anatomie- und Physiologielehrbuch und auch die meisten psychologischen Fachbücher beschreiben das ANS als ein System mit zwei gegengerichteten Zweigen: dem sympathischen Nervensystem, das für die Stressreaktion auf Bedrohungen und Gefahren verantwortlich zeichnet, und dem parasympathischen Nervensystem, das für die Entspannungsreaktion zuständig und eng mit der Funktion des Vagus-Nervs verbunden ist. Was wir dabei übersehen, ist, dass der Vagus-Nerv zwei separate Äste besitzt, die an zwei verschiedenen Orten entspringen, auf unterschiedlichen Bahnen ziehen und auch unterschiedliche Aufgaben haben. Die Polyvagal-Theorie und die modernen Disziplinen der Neurowissenschaft vertreten die Auffassung, dass das ANS nicht nur zwei antagonistische Zweige umfasst, sondern aus drei Subsystemen besteht und außerdem hierarchisch organisiert ist.

Wir reagieren also grundsätzlich auf Signale und Empfindungen auf drei Arten. Genau genommen reagiert unser Nervensystem auf drei Arten, denn die Entscheidung darüber, welche Defensivstrategie wir wählen, unterliegt nicht unserem Willen. Ohne dass wir es bewusst wahrnehmen, untersucht das ANS ständig die Sicherheit in der Umgebung und legt aufgrund dieser Einschätzung Prioritäten bezüglich unseres Verhaltens fest, die nicht kognitiver Art sind – dies nennt man Neurozeption. Von unserem ersten Atemzug an streben wir unser ganzes Leben lang danach, uns in unserem Körper, der Umgebung und in unseren Beziehungen zu anderen Menschen sicher zu fühlen. Das ANS ist unser persönliches Observationssystem, das ständig im Einsatz ist. Sein Ziel ist, uns zu schützen, indem es Situationen als sicher oder gefährlich identifiziert. Das Hauptfunktionsprinzip des ANS lautet: Jede Reaktion ist eine Handlung im Dienst des Überlebens. Das ANS urteilt nicht über Gut und Böse. Es versucht nur Gefahren einzugrenzen und Sicherheit zu suchen. Das Wahrgenommene ist dabei wichtiger als die Wirklichkeit – die persönliche Wahrnehmung, nicht das Tatsächliche eines Erlebnisses, ruft posttraumatische Konsequenzen hervor. Dabei hat das ANS die Umgebung schon eingeschätzt und eine adaptive überlebensfördernde Reaktion initiiert, bevor das Gehirn und unsere Kognition einem bestimmten Vorfall überhaupt einen Sinn zuschreiben.

Eine genauere Vorstellung von der Funktionsweise des ANS bekommen wir also, wenn wir beachten, dass es aus drei Nervenkreisläufen besteht. Der sympathische Zweig, der im mittleren Teil des Rückenmarks lokalisiert ist (entspringt den aus dem Rückenmark hervorgehenden Spinalnerven), bereitet uns darauf vor zu handeln. Er reagiert auf Gefahrensignale und initiiert die Ausschüttung von Adrenalin, wodurch Energie für die Kampf oder Flucht Reaktion mobilisiert wird. Im parasympathischen Zweig (entspringt den Kranialnerven, die unmittelbar aus dem Gehirn austreten) sind im Vagus-Nerv (der längste und zehnte Kranialnerv) die beiden anderen Reaktionsweisen lokalisiert. Der Vagus ist in zwei Teile, den ventralen (vorderen) und den dorsalen (hinteren) Vagus-Ast, gegliedert. Der ventrale Vagus-Ast (vom Zwerchfell aufwärts; Überwachung und Steuerung der Herz- und Atemfrequenz, Muskeln des Gesichts und des Kopfes) reagiert auf Signale für Sicherheit und unterstützt Gefühle der sozialen Verbundenheit und Zugewandtheit. Diesen Bereich bzw. Zustand bezeichnet man auch als das Social Engagement System. Der dorsale Vagus-Ast (vom Zwerchfell abwärts; Überwachung und Steuerung der Verdauungsfunktion) reagiert hingegen auf Signale, die extreme Gefahr ankündigen. Er unterbricht jedes Gefühl der Verbundenheit und versetzt uns in einen kollabierten Zustand – einen Zustand der Empfindungslosigkeit und Immobilität, der uns schützen soll.

Hierarchischer Ablauf der primitiven Reaktionen

Viele von uns sind in soziale Bezüge eingebunden, pflegen die meiste Zeit Kontakt und Kommunikation, fühlen sich sicher und ruhig – wir sind tief im ventralen Vagus-Ast verwurzelt und unser Social Engagement System ist aktiviert. Werden wir mit einer Herausforderung konfrontiert, versuchen wir nach der Polyvagal-Theorie zunächst, den neusten Teil unseres Nervensystems zu nutzen, um mit Hilfe von Mimik, stimmlichem Ausdruck und Sprache wieder einen Zustand der Sicherheit zu erreichen. Bleibt das erfolglos, stellt dieses System seine Bemühungen ein, und es folgt die Mobilisierung zur Vorbereitung auf die Verteidigung durch Kampf oder Flucht. Bewirkt auch dies nichts, schalten wir völlig auf das entwicklungsgeschichtlich ältere, sympathische Nervensystem um und leiten eine Kampf- oder Flucht-Reaktion ein, was uns wiederum helfen kann, in einen sicheren Zustand sozialer Verbundenheit zurückzukehren. Wenn Menschen jedoch weder fliehen noch kämpfen können und wir das Gefühl haben, in einer Falle zu sitzen und einer Gefahr nicht entrinnen können, zieht uns der dorsale Vagus-Ast in einen Zustand der Immobilität – entwicklungsgeschichtlich die älteste Reaktion des ANS. Wir verschließen uns dann völlig, um zu überleben. Eine Reaktion, deren Sinn und Zweck zumindest teilweise ist, uns die Möglichkeit zu geben, dieses traumatische Ereignis durchzustehen.

Man kann sich dabei das ANS wie eine Art Leiter vorstellen. Um vom kollabierten Zustand des dorsalen Vagus zu genesen, müssen wir uns auf der Leiter wieder aufwärtsbewegen, um zunächst die Energie des sympathischen Nervensystems und schließlich erneut den Zustand der Regulation des ventralen Vagus und das Social Engagement System zu erreichen. Zwei Elemente sind dabei für eine Neurozeption von Sicherheit erforderlich: Die Auflösung von Anzeichen für eine Gefahr und das Aufspüren von Anzeichen für Sicherheit.

Wenn man die drei unterschiedlichen primitiven Reaktionen näher betrachtet, so können typische Körpermerkmale und Verhaltensweisen herausgefiltert werden. Zum vorderen Vagus-Ast gehören die positiven Emotionen von Freude, Zufriedenheit und Liebe – eine neurobiologische Voraussetzung für Gesundheit, Entwicklung und Genesung. Der Zustand der sozialen Zugewandtheit fördert soziale Verhaltensweisen, z.B. indem wir uns Aktivitäten mit Freunden und Angehörigen widmen oder auch andere Menschen unterstützen. Ein normaler Blutdruck reicht für die Muskulatur aus, die weder angespannt noch schlaff ist, sondern sich genau richtig anfühlt. Auch Blutzucker und Temperatur sind normal.

Wird unser Körper durch die Reaktion des sympathischen Nervensystems mobilisiert, können wir zusätzliche Kräfte freisetzen, um auf eine Bedrohung zu reagieren. Mit festen, angespannten Muskeln kann sich der ganze Körper schneller bewegen – dazu ist ein höherer Blutdruck nötig. Auch das Hören verändert sich. Übernimmt das sympathische Nervensystem die Führung, wechselt die Aktivität des Mittelohrs vom Hören menschlicher Stimmen zur Identifikation der niedrigen Frequenzen von Raubtieren oder der hohen Frequenzen von Schmerzensschreien. Das System ist dann darauf eingestellt, für Gefahren charakteristische Geräusche zu identifizieren, statt auf Geräusche zu achten, die mit Verbundenheit assoziiert werden. In einem Zustand, der sympathischem Einfluss unterliegt, deuten wir oft auch Signale der Mimik falsch. Ein Gesicht mit eigentlich neutralem Ausdruck kann uns dann als wütend erscheinen, weil uns neutral als gefährlich erscheint. Das sympathische Nervensystem ist mit Gefühlen von Wut und Angst verbunden – dieser Zustand kann als „Mobilisierung durch Angst“ beschrieben werden.

Die dritte Nervenbahn – der hintere Ast des Vagus-Nervs – wird angesichts einer übermächtigen Kraft und der bevorstehenden Vernichtung aktiviert. Fallen Optionen Kämpfen oder Fliehen weg, schonen wir unsere vorhandenen Ressourcen und erstarren – mittels Kollaps und Shutdown wird Energie konserviert. Dies wirkt betäubend und schützt vor physischem und psychischem Schmerz. Im Fall eines traumatischen Ereignisses kann der dorsale Vagus durch Auslösen einer Dissoziation „helfen“. Ein neurologisches Resultat dieser Reaktion ist die Verringerung der Blutzufuhr zum Gehirn und damit seiner Sauerstoffversorgung, was die kognitive Funktion verändert und dissoziative Erlebnisse zur Folge hat. Der Muskeltonus ist geringer. Ein niedriger Blutdruck reicht aus, um das Blut in die schlaffen Muskeln der Gliedmaßen zu pumpen. Die Aktivierung dieser Bahn begünstigt Gefühle von Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit und Apathie und äußert sich als Rückzug und Abschalten – wir machen dicht. Dieser Zustand kann als „Immobilisierung durch Angst“ beschrieben werden.

Wie das Nervensystem eine Gefahr einschätzt, ist nicht vorhersehbar. Ein und dieselbe Gefahr kann von den Nervensystemen verschiedener Menschen völlig unterschiedlich beurteilt werden. Bestimmte Charakteristika einer in der Umgebung auftauchenden Herausforderung lösen bei einigen Menschen Kampf- oder Fluchtverhalten aus, während andere unter genau den gleichen Bedingungen mit Erstarren reagieren. Während sogenannte traumatische Ereignisse für einige Menschen normale Ereignisse sind, erleben andere die gleichen Geschehnisse als absolut lebensbedrohlich.

Ein Trauma wird dadurch bedingt, dass wir in unseren primitiven Reaktionen stecken bleiben – eine tiefe, menschliche Erfahrung, die in Überlebensinstinkten wurzelt. Ist unser Nervensystem stabil und belastbar, so kehren wir in den Zustand von Kontakt und Kommunikation zurück. Dies geschieht jeden Tag, oft ohne, dass wir es bewusst wahrnehmen. Ist dies jedoch nicht der Fall und sind wir nicht genügend belastbar, um spontan wieder dorthin zurückzukehren, bleibt das sympathische Nervensystem oder der hintere Vagus-Ast aktiviert und wir verharren in diesem Zustand. Wir verhalten uns dann so, wie es uns diese beiden Strukturen vorgeben. Unsere Handlungen erscheinen irrational, laufen oft unseren eigenen Interessen zuwider und können uns selbst und anderen schaden.

Evolution und das Jacksonsche Prinzip der Aufhebung

Nach Auffassung der Polyvagal-Theorie orientieren sich die Zweige des ANS bei ihren Reaktionen auf Herausforderungen an einer Hierarchie, in deren Wirkungsbereich die entwicklungsgeschichtlich neuesten Schaltkreise zuerst in Aktion treten – eine Umkehrung der Evolution. Der somit neueste, nur bei Säugetieren vorhandene neuronale Schaltkreis (ventraler Vagus-Ast), der Gesicht und Herz miteinander verbindet, fördert soziales Verhalten und steuert komplexe soziale Beziehungen und das Bindungsverhalten. Mit diesem System für soziales Engagement eng verbunden ist auch unser biologisch basiertes Streben nach Sicherheit. Die nächste, ältere Ebene stellt der sympathische Zweig des ANS dar – ein Erregungssystem, das sich in der Reptilien-Phase entwickelt hat. Seine Funktion besteht in der Mobilisierung und Verstärkung des Handelns (wie bei Angriff oder Flucht), sein Adressat im Körper sind die Gliedmaßen. Das primitivste und älteste der drei Systeme stammt ursprünglich von einer frühen Spezies von Fischen – der dorsale Vagus-Ast. Die Funktion dieses primitiven Systems besteht in der Immobilisierung, der Aufrechterhaltung des Stoffwechsels und dem Abschalten. Ziel seiner Aktivitäten sind die inneren Organe. Funktional entsprechen die Reaktionen unseres ANS also der folgenden Sequenz: ventraler Vagus-Ast (Social Engagement System), das sympathische Nervensystem (Mobilisation), dorsaler Vagus-Ast (Immobilisation).

Das Konzept der hierarchisch gegliederten Notfallmechanismen des Gehirns bleibt ein grundlegendes Prinzip der Neurologie. Wenn das Gehirn verletzt oder gestresst ist, greift es auf eine evolutionär primitivere Funktionsebene zurück. Erholt es sich infolgedessen, hebt es diese Regression wieder auf und aktiviert erneut die differenzierteren, sozialen Funktionen. Dies ist ein Beispiel für die aufwärts oder Bottom-Up Verarbeitung, die in der Traumatherapie so wichtig ist. Je primitiver das agierende System ist, desto mehr Macht hat es allerdings, die Gesamtfunktion des Organismus zu übernehmen (Jacksonsches Prinzip der Aufhebung). Dabei unterbindet es wirkungsvoll die Funktionen der evolutionsgeschichtlich jüngeren und differenzierteren neurologisch-biologischen Subsysteme. Das gilt vor allem für das Immobilisationssystem, welches das Social Engagement System vollständig unterdrückt. Auch das sympathische Nervensystem blockiert das Social Engagement System, jedoch nicht so vollständig wie das Immobilisationssystem. In anderen Worten ausgedrückt, wenn unsere primitiven Instinkte bzw. Reaktionen aktiv werden, kann unser Denken aufgehoben werden.

Wenn wir auf Grund eines traumatischen Erlebnisses im System der Immobilisationsreaktion oder der sympathischen Erregung stecken bleiben, ist auch unsere Fähigkeit Mitgefühl und Unterstützung zu empfangen weitgehend reduziert. Es ist für uns nicht möglich, Sicherheit zu empfinden und zu spüren, dass innerlich alles gut ist. Wir haben Schwierigkeiten die positiven Emotionen anderer Menschen an deren Mimik und Körperhaltung abzulesen und können auch die eigenen Emotionen nicht nuanciert wahrnehmen. Aus diesem Grund fällt es uns schwer zu beurteilen, ob wir einem anderen Menschen trauen können. Wir sind dann für einen direkten Kontakt mit anderen Menschen, den beruhigenden Austausch von Gefühlen und Anzeichen von Verbundenheit nicht offen. Wir fühlen uns wie von allen abgeschnitten. Glücklicherweise gibt es Möglichkeiten, der Dominanz des Immobilisationssystems über die beiden weniger primitiven Systeme zu entkommen – ein Weg der Bottom-Up orientierten therapeutischen Begleitung.

Nicht nur unsere Neuroanatomie und das ANS haben sich aus den primitivsten Strukturen zu den differenziertesten entwickelt und immer weiter verfeinert, sondern auch unser Verhalten und demzufolge auch der Aufbau und Funktionsweise unseres Gehirns. Das Modell vom Dreieinigen Gehirn erklärt, wie auch hier die primitiveren Strukturen, die „drüber“ liegenden, entwicklungsgeschichtlich neueren Strukturen überlagern können und in ihrer Funktion beeinflussen oder einschränken. Der Neokortex, als jüngste, „oberste“ Ebene (Primatenebene), die für das Denken, die bewusste Erinnerung, das Gebrauchen der Sprache, das Planen und Reflektieren, sowie die komplexesten Funktionen menschlichen Verhaltens und Bewusstseins verantwortlich ist, kann somit in bestimmten Situationen vom „drunter“ liegenden Limbischen System (Säugetierebene) – dem Sitz der Emotionen, in dem Gefühle, Interaktion und Beziehungen angesiedelt sind, von dem aus Gefahren registriert und beurteilt werden, aber vor allem auch durch die älteste Ebene – das Stammhirn (Reptilienebene), das die grundlegenden lebenserhaltenden Funktionen organisiert, in dem Empfindungen, Erregungsregulation und Einleitung von Bewegungsimpulsen stattfinden, überlagert werden. In so einem Fall würden unsere Instinkte, oder Emotionen, buchstäblich unser Denken übernehmen.

Dabei entwickelt sich das Gehirn bei jedem Kind im Mutterschoß genauso, wie es im Laufe der Evolution allmählich seinen aktuellen Zustand erreicht hat. Zum Zeitpunkt der Geburt voll funktionsfähig ist nur unser Reptilienhirn, das sich im Hirnstamm befindet. Es reagiert im ganzen Leben sehr stark auf Gefahren. Aus diesem Grund muss sich jede Traumabehandlung sehr früher Erfahrungen mit diesem Bereich und den damit verbundenen grundlegenden Körperfunktionen befassen. Das limbische System entwickelt sich größtenteils erst nach der Geburt im Laufe der ersten sechs Lebensjahre. Alles, was ein Baby erlebt, schlägt sich in seinem emotionalen und perzeptuellen Weltbild nieder, das sein Gehirn in der Entwicklungsphase erzeugt. Ein Trauma kann seine Funktionsfähigkeit während des ganzen Lebens stark beeinflussen. Erst ab dem zweiten Lebensjahr entwickeln sich die Frontallappen, die den größten Teil des Neokortex ausmachen, mit zunehmender Geschwindigkeit. Da vieles an unserer Identität sich in den ersten fünf Lebensjahren entwickelt, sorgen Identitätsverzerrungen dafür, dass wir uns selbst und die Welt weiter aus der Kinderperspektive sehen!