Warum ist es so schwer da rauszukommen – im Haltegriff von Trauma und Angst.

Eine namenlose Furcht

Waren die frühen Lebenserfahrungen traumatisch, so lebt das Trauma später in Form einer unausgesetzten hohen Erregung im Nervensystem weiter. Die unaufgelöste hohe Erregung löst eine unbarmherzige, namenlose Furcht aus, eine nie abzuschaltende Ahnung drohenden Unheils. Da frühe Traumen recht weit verbreitet sind, beobachten die meisten Erwachsenen Elemente von Überlebensstrukturen an sich. Da sie den eigentlichen Ursprung ihrer inneren Not nicht kennen, kreieren viele Menschen Erklärungen, um sich die eigenen Symptome besser verständlich zu machen.

Ein Säugling kann sich nicht als ein guter Mensch erleben, der nur in eine schlechte Situation geraten ist. Das Versagen des haltenden Umfelds wird als eigenes Versagen erlebt. Die Vorläufer von chronischer Scham, geringem Selbstwertgefühl und anderen Zerrbildern des Selbst beginnen oft in den frühen Phasen der Kindheit. Es sind die verinnerlichten Fehler und Versäumnisse des Umfelds, als innere Not im impliziten, nicht bewussten Gedächtnis gespeichert, die für das stark verzerrte Ich-Gefühl sorgen und Menschen dazu bringen, sich chronisch ungeliebt, nicht liebenswert und wertlos zu fühlen.

Erinnerung und Trigger

Sowohl frühe Fehlschläge bei Bindungserfahrungen als auch Schocktraumen vor dem sechsten Lebensmonat können lebenslange Auswirkungen auf Gesundheit und Beziehungsfähigkeit haben. Die Neurowissenschaft bestätigt, dass gerade frühe Traumen besonders schädigend sind. Da der Hippocampus für konkrete Erinnerungen zuständig ist, zeigen viele Personen mit Traumen, die in der Frühphase der Entwicklung des Neokortex und bevor der Hippocampus überhaupt voll ausgebildet ist, aufgetreten sind, Symptome von entwicklungsbedingtem posttraumatischem Stress, jedoch ohne bewusste Erinnerungen an traumatische Ereignisse. Frühe Traumen werden implizit (nicht bewusst verarbeitet) im Körper und Gehirn gespeichert und führen zu einer gestörten systemischen Regulierung. Dementsprechend haben wir bei ihnen, auch wenn sie ständig Einfluss darauf haben, wie wir heute funktionieren, nicht das Gefühl, es handle sich um Erinnerungen, sondern denken eher, das seien wir. Da das implizite Gedächtnis nicht konzeptionell und zudem außersprachlich ist, ist es schwer, seinen Inhalt mit verbalen Mitteln zu ergründen. Techniken, die einen Ansatz verwenden, der beim Körper beginnt, eignen sich besser zur Ergründung von Erfahrungen, die im impliziten Gedächtnis kodiert sind.

Bei jeder neuen Erfahrung gleicht das Gehirn generell die ankommenden neuronalen Aktivitätsmuster mit den bereits in der Erinnerung gespeicherten Mustern ab. Im Prinzip findet Wahrnehmung durch einen Vergleich von Vergangenheit und Gegenwart statt. Für schnelle, überlebensrelevante Reaktionen nutzt der Musterabgleich den kürzest möglichen Weg, um Sinnesreize direkt zur Amygdala zu übermitteln, die wie eine Alarmanlage jederzeit darauf wartet, die körpereigenen Kampf- oder Flucht-Hormone zu aktivieren. Diese für Notfälle gedachte Schnelleinschätzung umgeht die höchste Instanz, die Großhirnrinde. Sie opfert Genauigkeit und Unterscheidungsvermögen der Geschwindigkeit. Die Amygdala ist generell an der Furchtkonditionierung beteiligt und spielt allgemein eine wichtige Rolle bei der emotionalen Bewertung und Wiedererkennung von Situationen sowie der Analyse möglicher Gefahren.

Findet sich keine Entsprechung, so macht sich das Gehirn als Nächstes daran, weitere Informationen und detailliertere Merkmale auf eine Entsprechung zu durchforsten und ist dementsprechend deutlich langsamer. Hat sich bis dahin noch immer keine Entsprechung gefunden, so wird über die komplexere höchste Instanz, die Großhirnrinde, dem Thalamus und dann weiter zum Hippocampus eine neue Kategorie von Erfahrungen eingerichtet, deren Muster für spätere Abgleichungsprozesse im Gedächtnis explizit (bewusst verarbeitet) als Erinnerung gespeichert werden.

Der Musterabgleich legt eine Erklärung für unsere Neigung nahe, Ereignisse von heute mit solchen von früher zu verwechseln oder schmerzhafte Erfahrungen aus der Vergangenheit zu wiederholen. Neurologisch ist der Punkt gar nicht so sehr der, dass wir die gleiche Erfahrung wiederholen, sondern wir interpretieren aktuelle Situationen mit einem besonderen Blick für Dinge, die wir auch schon in der Vergangenheit erlebt haben. Ein traumatisiertes, hochsensibles Gehirn schießt sofort mit seinem Musterabgleich los, bevor überhaupt alle Daten ermittelt wurden. Traumatisierte reagieren auf Triggerereignisse, als würden sie noch einmal dem ursprünglichen Trauma ausgesetzt. Vieles von dem, was wir ganz selbstverständlich hinnehmen, weil die Welt eben so ist, ist in Wirklichkeit die Welt, wie wir sie erinnern.

So können schier banale Reize erneut einen Hyperarousal und/oder eine Erstarrungsreaktion aktivieren, und bei jedem neuerlichen Erleben dieser Reaktionen addiert sich die zur Bewältigung dieser neuen Situation bereitgestellte, aber nicht benötigte Energie noch zusätzlich zu der bereits vorhandenen, nicht entladenen Energie. Die Immobilitätsreaktion wird nicht nur chronisch, sondern sie wird immer intensiver. Entsprechend häufen sich auch die Symptome. Diese können auch nach jahrelanger Latenz, dann meist nach einer weiteren schweren Belastung, auftreten. Die Auslöser können z.B. der Verlust einer wichtigen Bezugsperson, ein Unfall, eine Operation oder eine schwere Erkrankung sein.

Darüber hinaus gibt es zwischen Erinnerungen an positive und traumatische Erlebnisse zwei wichtige Unterschiede: Erstens die Art, wie die Erinnerungen organisiert sind, und zweitens die körperlichen Reaktionen auf die Erinnerungen. Hochzeiten, Schulabschlüsse und Geburten werden als in der Vergangenheit liegende Ereignisse erinnert, als Geschichte mit einem Anfang, einer Mitte und einem Ende. Im Gegensatz dazu sind traumatische Erinnerungen desorganisiert – so erinnert man sich an einige Details nur zu klar, an andere wichtige Einzelheiten oder die Ereignisfolge aber nicht. Traumatische Erinnerungen unterscheiden sich grundsätzlich von den Geschichten, die wir über die Vergangenheit erzählen. Sie sind meistens dissoziiert: Die verschiedenen Empfindungen, die zum Zeitpunkt des Traumas das Gehirn erreichten, lassen sich nicht zu einer sinnvollen Geschichte, einem Teil der autobiographischen Erinnerung, verbinden.

Mangelnde Selbstregulation

Heute geht man davon aus, dass eine der folgenreichsten Konsequenzen früher Schock- und Entwicklungstraumen die resultierende mangelnde emotionale und autonome Selbstregulierungsfähigkeit ist – die Fähigkeit, mit der wir Menschen unsere Aufmerksamkeit, Emotionen, Impulse und Handlungen frei steuern und uns selbst beruhigen können. Ist diese Fähigkeit nicht ausgereift, tragen wir unsere Zustände innerer Erregung nach außen, oft in Form von unkontrollierbarem Verhalten, Wutausbrüchen oder Zwangshandlungen. Symptome einer solchen emotionalen Dysregulation entwickeln sich dann, wenn wir entweder nicht in der Lage sind, unsere Emotionen zu spüren, oder wenn sie uns überwältigen bzw. sich nicht wieder auflösen und in der Folge zu Schlaf- oder Essstörungen, Angst- und Panikattacken, oder Depressionen führen können.

Wir sind von Natur aus soziale Wesen und es liegt in unserer Natur, mit anderen zu interagieren und zu ihnen in Beziehung zu treten. Von den ersten Augenblicken des Lebens an, in denen wir uns instinktiv dem Gesicht unserer Mutter zuwenden, bis zum Lebensende haben wir ein beständiges Bedürfnis, in harmonischen Beziehungen zu leben. Unsere Fähigkeit zur Selbstregulation entwickelt sich in frühen Interaktionen zu unseren Bezugspersonen. Das Nervensystem von Säuglingen ist noch so unterentwickelt, dass sie sich nicht selbst regulieren und sich selbst beruhigen können. Sie brauchen das sanfte Gehalten- und Gestreicheltwerden, um zur Ruhe kommen zu können – sie brauchen eine Co-Regulation durch andere. Wenn wir in unserer Kindheit zu wenige Möglichkeiten zur Co-Regulation erhalten, lernen wir nicht, uns selbst zu regulieren und spüren diesen Mangel im Erwachsenenalter auch in unseren Beziehungen. Die Fähigkeit der Selbstregulation sollte demnach möglichst auf der Fähigkeit zu interaktiver Regulation basieren, und entwickelt sich erst während der ganzen Kindheit weiter. Unterstützt uns ein Nervensystem, das sowohl mit interaktiven als auch mit individuellen Bemühungen um Regulation umgehen kann, ist ein sicheres und flexibles Navigieren im Alltagsleben möglich.

Die frühen Versäumnisse unserer Bezugspersonen können wir im Erwachsenenalter etwas nachholen, indem wir in Beziehungen treten. Ist die Fähigkeit zur Selbstregulation jedoch stärker unterentwickelt, benötigen wir unter Umständen die Co-Regulation in Form einer therapeutischen Begleitung.

Die doppelte Umklammerung von Angst

Wie durch die Polyvagal-Theorie aufgezeigt, ist ein Trauma dadurch bedingt, dass wir in unseren primitiven Reaktionen auf schmerzliche Ereignisse stecken bleiben und diese menschlichen Reaktionen zu keiner Lösung finden. Wenn wir, sorgfältig dosiert, unsere instinktiven Reaktionen einladen würden, sich vollständig auszudrücken, kann sich der Zugriff des Traumas, lt. Meinung führender körperorientierter Psychotherapeuten, lockern. Wir sollten nicht vergessen, dass ein Trauma eine tiefe, menschliche Erfahrung ist, die in Überlebensinstinkten wurzelt. Keine Krankheit oder medizinische Störung. Das heißt, zu einem Trauma kommt es immer dann, wenn uns der Übergang aus dem kollabierten Zustand des dorsalen Vagus-Astes zurück ins normale Leben nicht gelingt und die für diesen Zustand charakteristische Empfindungslosigkeit und Immobilität chronisch werden, verbunden mit Angst und anderen intensiven negativen Emotionen.

Ist diese Koppelung erst einmal entstanden, lösen die physischen Empfindungen der Immobilität als solche Angst aus – wir sind konditioniert unsere eigenen inneren Empfindungen zu fürchten, was wiederum die Gelähmtheit nur verstärkt und vertieft. Wir vermeiden die Empfindungen von Immobilität, weil sie so heftig sind und wir uns in diesem Zustand hilflos und verletzlich fühlen. Kurzfristig scheinen Vermeidung und Unterdrückung der mit Immobilität einhergehenden Gelähmtheit diese in Schach zu halten. Mit der Zeit jedoch wird offensichtlich, dass diese Fluchtmanöver nichts bewirken. Dieses „unter den Teppich kehren“ verlängert das Unweigerliche nicht nur, sondern macht die Begegnung mit Immobilität noch beängstigender.

Wenn traumatisierte Personen ihre Immobilität und Ohnmacht allmählich hinter sich lassen, wechseln sie zu einer Übererregung und können häufig Ausbrüche von intensivem Ärger oder Wut verspüren. Weil sie aber befürchten, sie könnten andere oder sich selbst verletzen, unternehmen sie große Anstrengungen, um dieses Gefühl abzuwehren und zu unterdrücken, bevor sie es selbst richtig spüren. So jagen wir uns, wenn wir aus der Immobilität hervorkommen, wiederholt selbst Angst ein.

Der Teufelskreis von intensiven Empfindungen, Wut und Angst hält uns in der Traumareaktion gefangen. Wir sind im wahrsten Sinne des Wortes eingesperrt und werden wiederholt in Angst versetzt und in unserer körperlichen Bewegungsfreiheit eingeschränkt – und zwar durch die eigenen hartnäckigen physiologischen Reaktionen und die Angst vor diesen Reaktionen und Emotionen. Der Teufelskreis von Angst und Immobilität verhindert, dass diese Reaktion vollständig zum Abschluss kommt und sich lösen kann. Wir haben sowohl Angst, uns in den Zustand der Immobilität hineinzubegeben als auch wieder daraus hervorzukommen, besonders wenn uns nicht klar ist, welche positiven Wirkungen das hat. Aufgrund dieser doppelten Umklammerung blockiert Immobilität ihre eigene Auflösung, sodass dieser Zustand scheinbar nicht zu durchbrechen ist. Ohne Aufklärung, Vorbereitung und ohne therapeutische Begleitung kann es für den Betroffenen aufgrund dieser höchst intensiven Empfindungen zu einem sehr schwierigen und unerträglichen Unterfangen werden.

Noch einen Schritt weiter zurück

Traumatische Erlebnisse bzw. Bindungs- und Beziehungstraumen entstehen aber nicht nur in früher Kindheit und betreffen somit nicht nur die postnatale Biografie. Moderne Forschung sowie ganzheitliche psychotherapeutische Methoden messen auch der perinatalen Phase, also rund um die biologische Geburt, eine große Bedeutung zu und bestätigen das, was Frauen und werdende Mütter immer schon gewusst haben: Das Leben und somit der Einfluss darauf beginnen schon deutlich früher.

Die Zeit vor der biologischen Geburt ist eine der bislang am wenigsten verstandenen Phasen der menschlichen Entwicklung und doch eine der wichtigsten. Bis in jüngerer Zeit betrachtete man die Zeit im Mutterleib als primär genetisch determiniert und die Entwicklung galt als relativ immun gegenüber äußeren Einflüssen. Heute ist es offenkundig, dass das kindliche Bewusstsein nicht erst mit der Geburt beginnt und dass Ereignisse im Mutterleib physiologischer wie auch psychischer Art die weitere Entwicklung beeinflussen. Wenn die fötale Entwicklung mit einer länger anhaltenden biologischen Notsituation einhergeht, wird die erlebte Not im impliziten Gedächtnis gespeichert. Sie gerät dann zu dem Kern, um den herum sich das gesamte Erleben kristallisiert und kann somit oft auch genau das sein, was sich hinter hartnäckigen Angstzuständen und depressiven Verstimmungen verbirgt. Ist eine Mutter während der Schwangerschaft chronisch depressiv, wütend, verängstigt, dissoziiert oder ständig besonderen Belastungen ausgesetzt, so hat dies Auswirkungen auf das Ungeborene. Der Fötus reagiert auf die Not der Mutter selbst mit großer Bedrängnis. Die einzige Möglichkeit, die dem Fötus zur Verfügung steht, wie auf Videoaufnahmen eindeutig zu sehen, besteht in Kontraktion, Rückzug und Erstarren. Statt ein Wachstum bietendes, nährendes Umfeld abzugeben, wird aus dem Mutterleib ein bedrohlicher, schädlicher Ort, aus dem es kein Entrinnen gibt. Mutter und Kind sind so miteinander verschmolzen, dass sie wie eine Einheit funktionieren, in der selbst subklinische Zustände von chronischer Depression, Ängsten und Dissoziation aufseiten der Mutter physiologische Spuren im innersten Erleben des Babys hinterlassen. Es ist also denkbar, dass vieles der inneren Not, die Erwachsene beschreiben, zum Teil gar nicht ihre eigene ist. Oft ist sie das Ergebnis der mütterlichen Not und Folge von Fehlern und Versagen des Umfelds.

Aber auch traumatische Geburtserlebnisse selbst (z.B. mit der Nabelschnur um den Hals auf die Welt zu kommen, überlange und schmerzhafte Geburtsprozesse, Kaiserschnitt, eine Zangen- oder Steißgeburt) können im Ungeborenen heftige Reaktionen auslösen. Auch die Unterbringung Frühgeborener im Brutkasten war historisch schon für sich genommen Auslöser eines folgenschweren Traumas. Tragischerweise wusste man bis vor erst relativ kurzer Zeit nicht, wie viel Fürsorge Frühgeborene in Form von Körperkontakt brauchen und dass Berührung eine ausgeprägte organisierende Wirkung auf den im Wachsen befindlichen Organismus hat. Auch wenn liebevolle Eltern einen derart traumatischen Start ins Leben ein Stück weit wettmachen können, können die Auswirkungen des fehlenden angemessenen Kontakts sich physiologisch und psychisch in uns beim Heranwachsen, und später als Erwachsene, niederschlagen.