Wenn Grundbedürfnisse vernachlässigt werden – adaptive Überlebensstrategien.

Grundbedürfnisse und Überlebensstrukturen

Jeder Mensch, jedes Kind, wenn wir geboren werden – wir alle haben bestimmte biologische Grundbedürfnisse. Die Erfüllung dieser Grundbedürfnisse ist grundlegend für den erfolgreichen Ausgang unserer prägenden Jahre und auch das Erwachsenenleben hindurch von höchster Bedeutung. Kommt es zu einer massiven Unterbrechung dieses Kreislaufs, wird die gesunde Entwicklung gestört und das, was uns von unserem Umfeld versagt wird, bewirkt zum einen eine Aktivierung und ein gestörtes Gleichgewicht im Nervensystem und der Biochemie und zum anderen eine Verspannung und Versteifung der Muskulatur. Wir kommen aber mit einer essentiellen Anpassungsfähigkeit zur Welt: Der Fähigkeit, uns vom Erleben schmerzhafter innerlicher und äußerlicher Erfahrungen abzuschneiden. Wir sind imstande, unseren Zugang zu dem Schmerz und der Angst zu kappen, die mit der ausbleibenden Erfüllung unserer Primärbedürfnisse verbunden sind. Um überleben zu können, passen sich Kinder an situative Einschränkungen an, indem sie etwas entwickeln, das man adaptive Überlebensstruktur nennen kann.

Anfangs sind unsere Überlebensstrukturen lebensrettende Reaktionen, die ganz und gar nicht pathologisch sind. Und dennoch werden diese Anpassungsleistungen im Erwachsenenalter leicht zum beengenden Korsett – sie erstarren im Laufe der Jahre zu rigiden Vorstellungen von uns und der Welt. Diese elementaren Muster zu erkennen, ist eine große Hilfe, wenn es darum geht, sich Symptome zu erklären, deren Spektrum ansonsten verwirrend unübersichtlich scheint.

Am Anfang des Lebens fungiert die Verbindung mit der Mutter im Nervensystem des Babys als regulierende Instanz. Die Fähigkeit zur Selbstregulierung wird zunächst einmal in der Beziehung zur Mutter oder einer nahen Bezugsperson erlernt. Jedes Mal, wenn eine Mutter ihr Baby erfolgreich beruhigen kann, reguliert sie letztlich sein Nervensystem. Ist der Regulierungsprozess zwischen Mutter und Kind aus welchem Grund auch immer gestört, so entwickelt sich die grundlegende Selbstregulierungsfähigkeit des Kindes nicht adäquat. Ist die Mutter in ihrer eigenen Regulierungsfähigkeit eingeschränkt, kann sie sich selbst nicht beruhigen und von daher auch das Nervensystem ihres Babys nicht angemessen regulieren.

Wenn Kernbedürfnisse nicht erfüllt werden, ist die Reaktion zunächst einmal Protest, der schließlich in Wut umschlägt. Wut ist eine Reaktion, die für unser Überleben durchaus hilfreich ist. Sie zielt darauf ab, auf ein Umfeld einzuwirken, das uns nicht gibt, was wir brauchen. Babys drücken ihr Bedürfnis nach Berührung, Nahrung, Liebe und Kontakt ja zunächst durch Quengeln und Schreien aus. Kommt auf das Bedürfnis des Kindes keine angemessene Reaktion, so schaltet der sympathische Zweig des ANS einen Gang höher: Das Kind fordert zunehmend lautstärker, es protestiert gegen die ausbleibende Reaktion und bricht schließlich in ein wahres Wutgeschrei aus. Werden Wut und Aggressionen chronisch, entwickeln sich die Symptome einer nicht wieder entladenen sympathischen Erregung. Was zurückbleibt sind Beklemmungen, übermäßige Reizbarkeit, eine Neigung zu Gefühlsausbrüchen, Ängstlichkeit und sogar Panikattacken. Wenn Aggressionen, lautstarke Empörung und andere Formen des Protestes keine Wirkung zeigen oder nicht möglich sind, passt sich das Kind an diesen Umstand an. Bleibt die Einstimmung auf das Kind anhaltend aus, überlastet die chronische sympathische Erregung sein Nervensystem. Die Folge ist eine Adaptionsleistung: Das Kind resigniert, stellt seine wütenden Proteste ab und legt auch das Bedürfnis selbst still. Es verfällt in eine parasympathisch dominierte Erstarrungsreaktion, es friert ein. Dieser Abschaltprozess löst zwar nicht das zugrundeliegende Problem, betäubt aber wirksam die kindliche Wahrnehmung eigener Bedürfnisse und Emotionen.

Überlebensstrukturen beginnen als lebensrettende Anpassungsstrategien. Sie helfen uns in der Frühzeit unseres Lebens, schmerzhafte traumatische Erfahrungen zu bewältigen und zu überleben. Paradoxerweise werden genau diese Überlebensstrategien im Erwachsenenalter dann zur Ursache einer anhaltenden Dysregulation des Nervensystems und bewirken Dissoziation und Probleme mit dem Selbstwertgefühl.

Grundbedürfnis nach Kontakt

Es ist das Grundbedürfnis nach Kontakt und die Fähigkeit, in Berührung mit unserem Körper und unseren Emotionen zu sein, sowie die Fähigkeit zu wirklichem Kontakt mit anderen. Bei Versäumnissen von Bezugspersonen erleiden wir einen Kontaktverlust zum physischen und emotionalen Ich, sowie haben Probleme mit Kontakt zu anderen. Um dies nicht zu spüren bzw. zu umgehen, versperren wir unseren Zugang zu Kontakt, sowie schneiden uns vom eigenen Körper und von sozialen Kontakten ab. Um die Bindungsbeziehung zu schützen, gibt ein Kind sein Gefühl auf, überhaupt zu existieren, zieht sich aus dem Kontakt heraus und versucht, sich unsichtbar zu machen.

Infolge sehr früher Entwicklungstraumen haben sich Menschen mit Kontakt-Überlebensstruktur von ihrem Körper, sich selbst und der Beziehung zu anderen abgeschnitten. Man findet hier zwei scheinbar recht unterschiedliche Untertypen: Den verstandesbetonten und den spiritualisierenden Typ. Um den Schmerz zu bewältigen, der mit frühen Traumen verbunden ist, schneidet sich der eine Typ von seinem Körper ab und lebt stark auf der Kopfebene. Für ihn zählen Denken und Logik mehr als Gefühle und Emotionen. Der andere Typ dagegen ist in diesem Leben gar nicht erst in seinem Körper angekommen und bewältigt den fehlenden Kontakt, indem er seine ganze Erfahrungswelt durch die spirituelle Brille betrachtet.

Unter den adaptiven Überlebensstrukturen ist die Kontakt-Überlebensstruktur diejenige, die sich als erste entwickelt. Sie entsteht durch sehr frühe Schock- und Bindungstraumen. War der Start ins Leben traumatisch, so lebt das Trauma auch später noch weiter und zwar in Form bleibend hoher systemischer Erregungszustände. Die unaufgelöste hohe Erregung wird zur Quelle einer erbarmungslosen, namenlosen Furcht – das ständige Gefühl, dass von irgendwoher Verhängnis droht.

Gleich, wie alt er ist – der Kontaktstruktur-Typ fühlt sich oft wie ein verängstigtes Kind in einer Erwachsenenwelt. Aufgrund ihrer wenig scharf umrissenen Identität suchen die Betreffenden oft Halt in einer Rolle: Als Wissenschaftler, Richter, Arzt, Vater, Mutter u.Ä. Solange sie im Rahmen dieser Rolle agieren, fühlen sie sich wohl und kennen die Spielregeln. Sich außerhalb einer konkreten Rolle zu bewegen, kann für sie dagegen angstbesetzt sein. Viele Menschen vom Kontaktstruktur-Typ fühlen sich allein und isoliert, ohne zu merken, wie sie menschlichen Kontakt meiden und sich absondern. Es besteht ein intensives Bedürfnis nach Kontakt und gleichzeitig extreme Angst davor.

Grundbedürfnis nach Einstimmung

Es ist das Grundbedürfnis nach Einstimmung und die Fähigkeit, auf eigene Bedürfnisse und Emotionen eingestimmt zu sein, sowie die Fähigkeit, physisch und emotional Nährendes zu erkennen, zu suchen und in sich aufzunehmen. Bei Versäumnissen von Bezugspersonen haben wir Probleme damit, zu wissen, was wir brauchen, sowie das Gefühl, dass unsere Bedürfnisse es nicht verdienen, erfüllt zu werden. Um dies nicht zu spüren bzw. zu umgehen, versperren wir unseren Zugang zur Wahrnehmung und zum Äußern persönlicher Bedürfnisse. Um die Bindungsbeziehung zu schützen, gibt ein Kind seine eigenen Bedürfnisse auf, um sich nach den Bedürfnissen anderer zu richten, vor allem denen seiner Eltern.

Menschen mit dieser Überlebensstruktur tun sich schwer, sich auf ihre eigenen Bedürfnisse einzustimmen, die eigenen Bedürfnisse zu kennen. Sie zuzulassen und zu äußern ist für sie mit Demütigung, Verlust und Angst vor Ablehnung verknüpft. Viele Menschen verlegen sich dann darauf, für andere da zu sein, in dem sie feine Antennen für die Bedürfnisse anderer entwickeln und ihre eigenen darüber vernachlässigen. Mit ihrem Hang zum Umsorgen ist diese Gruppe überproportional häufig in Berufen vertreten, die sich um das Gemeinwohl sorgen, etwa Psychotherapie, Pflege und Sozialarbeit. Diese Rolle, ohne ein Gespür für eigene Bedürfnisse, kann auf längerer Sicht zu Burnout und Verbitterung führen.

Die Wurzeln dieser Überlebensstruktur sind in den beiden ersten Lebensjahren zu suchen. In diesen beiden ersten Jahren ist der störungsanfällige Organismus des Säuglings völlig von der Fürsorge der Mutter abhängig. Selbstregulierung erlernt das Kind in dieser frühen Zeit über die Bindungsbeziehung zur Mutter. Im Idealfall wird dabei sein Bedürfnis nach Bindung, nach Nahrung für Körper und Psyche und nach Regulierung auf liebevolle Weise erfüllt. Bleibt die Erfüllung seiner Bedürfnisse chronisch aus, gibt das Baby psychisch und körperlich auf und resigniert. Aus dieser Resignation entstehen eine psychobiologische Depression und das Gefühl, es sei aussichtslos zu erwarten, dass die eigenen Bedürfnisse je erfüllt würden. Nie Erfüllung zu finden ist den meisten Menschen mit dieser Überlebensstruktur zur zweiten Natur geworden.

Zu den Entstehungsfaktoren der Einstimmungs-Überlebensstruktur gehören familiäre Traumen, Tod der Mutter oder schwere Krankheit in den beiden ersten Jahren, Mütter mit massiver eigener Entwicklungsproblematik, längere Trennung von der Mutter, eine emotional unzugängliche Mutter, Familienstreitigkeiten, Scheidung, Arbeitslosigkeit, ein oft abwesender Vater können ebenfalls beeinflussen, wie zugänglich eine Mutter für das Baby ist. Auch Heimunterbringung oder Freigabe zur Adoption, sowie gesundheitliche Probleme des Kindes, Operationen und längere Krankenhausaufenthalte wirken sich aus.

Menschen mit Einstimmungs-Überlebensstruktur identifizieren sich so stark mit dem erfahrenen Mangel, dass sie die ganze Welt durch diese Brille des Mangels betrachten, was psychisch und physiologisch Spuren hinterlässt. Kristallisationspunkt der Identität dieser adaptiven Überlebensstruktur ist dementsprechend die unterschwellige Resignation und Depressivität und der Versuch, sich diese zu erklären und mit ihr zurechtzukommen. Es können sich zwei unterschiedliche Untertypen ausprägen: Der gehemmte und der unzufriedene Untertyp. Andere zu umsorgen ist ein Bewältigungsmechanismus, den die beiden Untertypen miteinander teilen. Mit Stolz sich selbst als bedürfnislos zu erleben: „Ich selbst brauche ja nichts“. Irgendwann reagieren sie dann aber frustriert und wütend, wenn sich zeigt, dass andere für ihre Bedürfnisse durchaus kein so feines Gespür haben wie sie für die von anderen. So platzen sie oft dann aufgebracht mit den eigenen Bedürfnissen heraus, wenn Frustration und Enttäuschung unerträglich geworden sind. Diese Strategie ist bestens dazu angetan, Menschen in ihrem Umfeld zu verprellen, und sorgt so dafür, dass ihre Bedürfnisse erneut nicht erfüllt werden – was die Betreffenden dann in ihrem Glauben bestärkt, Bedürfnisse zu äußern führe ohnehin zu nichts.

Grundbedürfnis nach Vertrauen

Es ist das Grundbedürfnis nach Vertrauen und die Fähigkeit zu einem gesunden Vertrauen in andere und zum Zulassen einer gesunden wechselseitigen Abhängigkeit. Bei Versäumnissen von Bezugspersonen haben wir das Gefühl, uns auf niemanden außer uns selbst verlassen zu können, sowie das Gefühl, immer die Kontrolle behalten zu müssen. Um dies nicht zu spüren bzw. zu umgehen, versperren wir unseren Zugang zu Vertrauen und gesunder wechselseitiger Abhängigkeit. Um die Bindungsbeziehung zu schützen, gibt ein Kind seine Authentizität auf, um so zu werden, wie die Eltern es haben wollen.

Menschen mit Vertrauens-Überlebensstruktur streben nach Macht und Kontrolle. Der Vertrauens-Typ kompensiert das Erlebnis von Ohnmacht und Kontrollverlust durch den Versuch, andere seiner Kontrolle zu unterwerfen und so die eigene Machtstellung auszubauen. Wut ist für diesen Überlebenstypus tendenziell die Standardemotion. Kinder, die Zeugen von Gewalt werden oder sie am eigenen Leib zu spüren bekommen, sind ihr hilflos ausgeliefert und fühlen sich ohnmächtig. In Reaktion auf überwältigend frühe Erfahrungen der Ohnmacht bringt der Vertrauens-Typ sein ganzes Leben damit zu, nach Macht zu streben. Je extremer die Gewalt, die das Kind erlebt hat, und je massiver die von ihm verspürte eigene Machtlosigkeit, desto wahrscheinlicher ist bei der Vertrauens-Überlebensstruktur die Entwicklung von Symptomen, die am eher pathologischen Ende des Spektrums anzusiedeln sind.

Diese Überlebensstruktur entwickelt sich auch in einem familiären Umfeld, wo das Kind für sein Anlehnungs- und Bindungsbedürfnis angegriffen oder damit manipuliert wird. Kinder werden dafür belohnt, so zu werden, wie die Eltern sie haben wollen, und bestraft, wenn es nicht gelingt. Oft belohnt die Familie Leistungs- und Konkurrenzdenken und feuert die Kinder an, immer die Nummer eins zu sein. Sie werden dafür belohnt, allzu früh Verantwortung zu übernehmen, und bestraft, wenn sie es nicht tun. Man zwingt sie, zu schnell erwachsen zu werden, und sie dürfen nicht Kind sein. Die betreffenden Kinder merken schnell, dass die Liebe, die sie bekommen, an eine Bedingung geknüpft ist – sie haben nicht das Gefühl, um ihrer selbst willen geliebt zu werden. Vertrauen zu anderen, sich auf sie zu verlassen und auf sie angewiesen zu sein, wird von den betreffenden Kindern schließlich damit in Verbindung gebracht, benutzt und verraten zu werden. Als Erwachsene erwarten sie dann ebenfalls, dass andere sie verraten, und kommen ihnen oft zuvor, indem sie in Sachen Verrat den ersten Schritt tun.

Das Kind wird in einer solchen Situation die Bindungsbeziehung zu seinen Eltern schützen, indem es das falsche Spiel mitspielt. Sich zwischen seiner eigenen Authentizität und den Forderungen der Eltern entscheiden zu müssen, stürzt es in unlösbare Konflikte. Was bei Kindern solcher Eltern auf der Strecke bleibt, ist die Ausbildung eines authentischen Selbst. Es gibt eine ganze Reihe von familiären Situationen, die zur Entwicklung eines falschen Selbst führen: Chaotische, narzisstische oder abhängige Eltern oder Kinder, die die Elternrolle übernehmen. Leidet der Vater oder die Mutter an chronischen Depressionen, Ängsten oder ist zu chaotisch, verkehren die Rollen und das Kind spielt letztendlich Vater oder Mutter für den unzulänglichen Elternteil. Diese Rollenumkehr findet auch in Fällen statt, wo das Kind zum engsten Vertrauten oder zur besten Freundin der Mutter oder des Vaters wird. Auch wenn Kinder zwischen Vater und Mutter hin und her gezerrt werden, sich zwischen den beiden Eltern entscheiden sollen, bringt sie notgedrungen in eine Situation, in der man von ihnen verlangt, jeweils einen Teil ihres Herzens zu verraten.

Menschen mit Vertrauens-Überlebensstruktur sind sehr auf ihr Image bedacht. Sie sagen sich, solange die Fassade gewahrt bleibt, solange keiner weiß, was in ihrem Innern vorgeht, hätten sie nichts zu befürchten. Droht ihnen die Kontrolle zu entgleiten, verfallen beide Untertypen (der Untertyp des Verführers und der brachiale Untertyp) in extreme Verhaltensweisen. Drogen, Alkohol, Essen, Sex können ins Spiel kommen, aggressives Verhalten oder sogar Gewalt. Der Vertrauensstruktur-Typ hat entsetzliche Angst zu versagen. Er fühlt sich auch von bedürftigen Partnern angezogen, die ihn in dem Eindruck bestärken, dass sie von ihm abhängig seien. Seine Strategie ist eine andere als die des Einstimmungs-Typs, der bedürftige Partner rettet, um sich um sie zu kümmern. Es ist nicht die Fürsorge, sondern Macht über das bedürftige Gegenüber zu haben.

Grundbedürfnis nach Autonomie

Es ist das Grundbedürfnis nach Autonomie und die Fähigkeit, angemessene Grenzen zu setzen, die Fähigkeit nein zu sagen und klarzumachen, wie weit andere gehen dürfen, sowie die Fähigkeit ohne Angst und Schuldgefühle seine Meinung zu sagen. Bei Versäumnissen von Bezugspersonen fühlen wir uns belastet und unter Druck, sowie haben Probleme Grenzen zu setzen und unverblümt nein zu sagen. Um dies nicht zu spüren bzw. zu umgehen, versperren wir unseren Zugang zu einem authentischen Selbstausdruck und reagieren mit dem, was andere von uns zu erwarten scheinen. Um die Bindungsbeziehung zu schützen, gibt ein Kind direkte Ausdrucksformen seiner eigenen Unabhängigkeit auf, um sich nicht verlassen oder erdrückt zu fühlen.

Menschen mit dieser Überlebensstruktur sind häufig freundlich und offenherzig, tun sich aber schwer damit, Grenzen zu setzen und andere in ihre Schranken zu verweisen. Infolgedessen fühlen sie sich leicht ausgenutzt und entwickeln insgeheim einen heftigen Groll. Sie sind so sehr darauf bedacht, Konflikte zu vermeiden und es anderen recht zu machen, dass sie eventuell vorhandene negative Gefühle nicht ansprechen. Von daher weiß man bei ihnen oft nicht recht, woran man ist.

Im Alter von anderthalb bis zwei Jahren – im sogenannten Trotzalter will das Kind lernen, alles Erdenkliche allein zu tun. Gut auf das Kind eingestimmte Eltern werden es in seinem altersgemäßen Drang nach Unabhängigkeit und Eigenständigkeit unterstützen. Überängstliche Eltern allerdings werden das Unabhängigkeitsbedürfnis ihrer Kinder torpedieren, da sie mit eigenen unaufgelösten Ängsten zu kämpfen haben. Menschen mit dieser Überlebensstruktur wachsen mitunter in einem rigiden, autoritären Umfeld bei Eltern auf, die immer wissen, was für sie am besten ist. Widersetzt sich das Kind, so entziehen ihm die Eltern ihre Liebe und benutzen Scham- und Schuldgefühle und mitunter auch Gewalt als Druckmittel. Um Demütigung zu umgehen und nicht verlassen zu werden, entwickeln die Betreffenden eine gutmütige Fassade und sagen zu allem Ja. Liebe von anderen zu bekommen bedeutet daher in den Augen vieler Autonomie-Typen, nach der Pfeife der anderen tanzen zu müssen, und zwar oft auf Kosten der eigenen Integrität und Autonomie – ein Dilemma, sich entweder für sich oder für seine Eltern entscheiden zu müssen, das ein Kind nur verlieren kann.

Die größten Ängste hinter dieser ursprünglich überlebenswichtigen Anpassungsstrategie sind die vor Kritik, Ablehnung und Verlassenwerden. Die Betreffenden bringen Liebe und Nähe in Verbindung mit der Angst, eine fremde Besatzungsmacht könne ihr Innerstes in Beschlag nehmen, sie wären nicht mehr ihr eigener Herr, würden erstickt, erdrückt oder überrannt. Sie sehnen sich nach Nähe, assoziieren sie aber mit dem Verlust ihrer Unabhängigkeit und Autonomie. Menschen mit Autonomie-Überlebensstruktur neigen eher zum Beschwichtigen und Besänftigen und haben Angst, ihre wahren Gefühle preiszugeben.

Ständiger Druck ist aus dem Leben dieser Menschen gar nicht wegzudenken, den sie verinnerlicht haben. Als Erwachsene setzten sie sich selbst enorm unter Druck, sind enorm sensibel für das, was andere aus ihrer Sicht von ihnen erwarten, und erleben diese Erwartungen, in ihren engsten Beziehungen wie auch im beruflichen Umfeld, als Leistungsdruck. Menschen mit Autonomie-Überlebensstruktur sind extrem selbstkritisch. Sie unterliegen dem Diktat dessen, was sie tun und sein sollten, und sich unablässig bestrebt, den in ihrem Kopf existierenden Sollzustand zu erreichen. Obwohl sie sich ständig unter Druck fühlen, nehmen sie den Druck als etwas wahr, das von außen kommt und nicht von ihren eigenen Ansprüchen an sich. Auch der Hang zum Grübeln und Sinnieren ist für diese Überlebensstruktur typisch. Die Betreffenden grübeln nach persönlichen Begegnungen über diese nach und machen sich selbst Vorwürfe, vielleicht nicht das Richtige getan oder gesagt zu haben. Ein weiterer Schlüsselaspekt ist eine tief verwurzelte Ambivalenz gegenüber Autoritätsfiguren. Vordergründig behandelt der Autonomie-Typ Autoritäten mit Respekt, insgeheim jedoch hegt er einen heftigen Groll auf sie und verspürt den Impuls, sich gegen sie aufzulehnen.

Grundbedürfnis nach Liebe und Sexualität

Es ist das Grundbedürfnis nach Liebe und Sexualität und die Fähigkeit, mit einem offenen Herzen zu leben, sowie Fähigkeit, liebevolle Beziehungen und eine lebendige Sexualität miteinander zu verbinden. Bei Versäumnissen von Bezugspersonen haben wir Probleme, Herz und Sexualität zu integrieren, sowie ein Selbstwertgefühl basierend auf Aussehen und Leistung. Um dies nicht zu spüren bzw. zu umgehen, versperren wir unseren Zugang zu Liebe und einer Verbindung auf Herzensebene, zu Sexualität, sowie zu Integration von Liebe und Sexualität. Um die Bindungsbeziehung zu schützen, versucht ein Kind sich selbst zu perfektionieren, um Ablehnung zu vermeiden, in der Hoffnung, für sein Aussehen oder seine Leistung Liebe zu ernten.

Menschen mit einer Überlebensstruktur, die sich um Liebe und Sexualität entwickelt hat, sprühen vor Energie. Es sind die Attraktiven und Erfolgreichen, die Macher und Sieger dieser Welt. Doch so attraktiv und erfolgreich sie sich uns auch zeigen – kaum einem gelingt es, die hohen Ansprüche zu befriedigen, die er an sich selbst hat. Ausgangspunkt für die hochenergetische Überlebensstruktur ist ein gebrochenes Herz, vor allem durch den gegengeschlechtlichen Elternteil. Die Betreffenden tun sich als Erwachsene schwer, eine dauerhafte Liebesbeziehung aufrechtzuerhalten. Diese fünfte Entwicklungsphase wird bei denen, die in frühen Entwicklungsphasen massive Traumen erlebt haben, gar nicht erst voll ausgebildet.

Für die Entstehung der Liebe-Sexualitäts-Überlebensstruktur sind vor allem zwei Zeiträume wichtig: Das Alter von vier bis sechs Jahren und das Einsetzen der Pubertät, also in etwa das Alter zwischen zwölf und fünfzehn. Die ersten Schwierigkeiten können auftauchen, wenn Eltern ablehnend auf die zutage tretende kindliche Sexualität und Neugier reagieren, das Kind dafür bestrafen oder ihm signalisieren, dass es sich hierfür schämen sollte. Für alles, was mit Gefühlen auf der Herzensebene zu tun hat, wird das Kind von denselben Eltern vielleicht bestärkt, seine aufkeimende Sexualität aber stößt sie vor den Kopf. Diese Reaktion zwingt das Kind, Sexualität und den Ausdruck von Liebe voneinander abzuspalten. In der Pubertät trägt die Einstellung der Eltern zu Sexualität und wie sie mit den körperlichen Veränderungen in diesem Alter umgehen, stark zur Entstehung dieser Überlebensstruktur bei. Dabei kann das sexuelle Erwachen der Jugendlichen entweder komplett ignoriert werden, oder ihm schlägt offene Ablehnung, Verachtung oder Missbilligung entgegen.

Menschen, die es relativ erfolgreich durch die vier ersten Entwicklungsphasen hindurch geschafft haben und deren Lebenskraft nicht durch weiter zurückliegende Traumen in ihrem Ausdruck verzerrt wurde, werden als Erwachsene tendenziell sehr gut funktionieren. Fehlt in der fünften Phase die entsprechende Einstimmung, so entwickelt sich einer von zwei Untertypen: Der romantische oder der sexuelle. Die Identität des Liebe-Sexualität-Typs stützt sich auf Aussehen und Leistung – er verbringt nahezu sein ganzes Leben damit, an seiner eigenen Perfektionierung zu feilen. Ein allgemeines Merkmal von Menschen mit dieser Überlebensstruktur ist, dass sie eher machen als fühlen – Emotionen sind ihnen suspekt. Die ständige Konzentration auf das Tun hilft ihnen, den Kontakt mit ihren Gefühlen zu vermeiden. Sie misstrauen Emotionen, um nicht mit einer Verletzlichkeit in Berührung zu kommen, an die sie lieber nicht rühren wollen.