Der Weg aus dem Trauma – gemeinsam schaffen wir es!

Grenzen bewusster Verhaltensanpassungen und kognitiver Einsichten

Wie bereits zu Beginn erwähnt, geht man in der klassischen Therapie immer wieder davon aus, dass psychologische Veränderungen vor allem durch Einsicht und Verständnis oder bewusste Verhaltensanpassungen passieren. Bedauerlicherweise ignorieren viele therapeutische Methoden das Social Engagement System und somit wichtige Erkenntnisse der modernen neurowissenschaftlichen Forschung. Sie sprechen stattdessen die kognitiven Fähigkeiten an und fokussieren ausschließlich darauf, dysfunktionales Denken zu korrigieren und unangenehme Emotionen und störende Verhaltensweisen zu unterdrücken. Trotz der gut dokumentierten Auswirkungen von Wut und Angst auf die Denkfähigkeit ignorieren viele Behandlungsprogramme, dass das Sicherheitssystem des Nervensystems in die Arbeit einbezogen werden muss, bevor man versucht, neue Denk- und Verhaltensweisen zu fördern. Selbstverständlich können Menschen lernen, ihr Verhalten zu beeinflussen und zu verändern, aber sie können es nur dann, wenn ein entspanntes Nervensystem sie dazu lässt.

Dauerhafte Veränderungen beruhen nicht primär auf psychologischen Verarbeitungsprozessen und kognitiven Fähigkeiten, die „von oben nach unten“ verlaufen – das heißt, mit rationalen Gedanken, Wahrnehmungen und disziplinierten Verhaltensänderungen beginnen, sondern, dass diese prinzipiell durch die Verarbeitung „von unten nach oben“ passieren, bei der wir uns auf physiologische Empfindungen konzentrieren lernen, während diese sich kontinuierlich zu Wahrnehmungen, Erkenntnissen und auch Entscheidungen entwickeln. Um diese zwei unterschiedlichen therapeutischen Zugänge zu beschreiben, werden in der Regel die Begriffe „Top-Down“ (von oben nach unten) und „Bottom-Up“ (von unten nach oben) verwendet. Die Wechselbeziehung zwischen beiden Zugängen und der entsprechenden Verarbeitung erscheinen als besonders wichtig zu sein.

Top-Down Betrachtung

Der Begriff Top-Down bezieht sich also darauf, wie kognitive Strukturen des Gehirns sich auf die emotionalen und instinktiven Systeme des Körpers, auf unsere Gefühle und die Regulierungsfähigkeit unseres Nervensystems auswirken. Die Top-Down Betrachtung ermöglich uns den Fokus auf das achtsame Gewahrwerden entstandener Verhaltensmuster zu richten und leitet so eine Selbsterforschung ein, um fixe, enge Vorstellungen von uns selbst, den anderen und der Welt auflösen zu helfen, die unser Leben einschränken. Da vieles an unserer Identität sich in den ersten fünf Lebensjahren entwickelt, sorgen Identitätsverzerrungen dafür, dass wir uns selbst und die Welt weiter aus der Kinderperspektive sehen. Man könnte meinen, die meisten Menschen leben nicht in der jetzigen Zeit als Erwachsene, sondern in der Kindheit, nur im erwachsenen Körper. Wenn sich zwei Menschen begegnen, dann begegnen sich im Prinzip also zwei Kinder, man ist sich dessen aber meistens nicht bewusst. Wenn wir unsere kognitiven Fähigkeiten und den Wissensfundus nutzen, können wir die Dinge, die uns verletzt haben, entschlüsseln und entmystifizieren. Die Top-Down Betrachtung hilft uns zu erkennen und zu verstehen, was mit uns los ist, während wir unsere traumatischen Erinnerungen verarbeiten.

Wenn wir uns darüber im Klaren sind, dass die instinktiven Reaktionen unseres Körpers unsere Sicht der Welt einfärben, können wir unsere Einstellungen, Wahrnehmung und das, was wir über uns selbst und die Welt erzählen, revidieren. Wenn wir klug sind und unser Wissen richtig nutzen, hören wir unserem Körper zu. Wenn nicht, versagt unser Nervensystem uns den Dienst, und wir flüchten ins Ausagieren. Ein Kind, das einen Wutanfall bekommt, agiert aus. Ein reifer Mensch hingegen versteht diese Systeme hoffentlich und verfügt somit über Möglichkeiten, sich körperlich in einen zumindest etwas angenehmeren Zustand zu versetzen.

Würden mehr Menschen über die beschriebenen Zusammenhänge informiert werden, könnte schon allein das die Reaktionsweise der Betroffenen etwas verändern. Sobald uns klar wird, was wir tun, ist schon eine wichtige Veränderung eingetreten – die Top-Down-Regulation gewinnt so an Bedeutung. Zu erfahren, dass die auftretenden Symptome und Verhaltensweisen normale Reaktionen auf eine abnormale Situation darstellen, wirkt entlastend. Der Beginn der Heilung ist das Verständnis über die (körperlichen) Vorgänge.

Andererseits ist das Sprechen über traumatische Ereignisse auch von besonderer Bedeutung, da Schweigen nur die entsetzliche Isolation verstärken kann, die oft mit einem Trauma verbunden ist. Solange wir Geheimnisse hegen und Informationen unterdrücken, befinden wir uns im Krieg gegen uns selbst, der enorm viel Energie kostet. Unterdessen überfluten Stresshormone weiterhin unseren Körper. Entscheidend ist, dass wir zuerst uns selbst wissen lassen, was wir wissen. Das setzt großen Mut voraus. Das Reden und Herstellen einer Verbindung zu anderen Menschen ist eine Basis der weiteren Entwicklung auf dem Weg aus dem Griff traumatischer Erfahrungen. Leider ist es nicht immer einfach traumatische Ereignisse in Worte zu fassen. Dies gilt übrigens für uns alle, nicht nur für schwer traumatisierte Menschen. Wenn ein Mensch einem anderen mitteilen kann: „Ich bin vergewaltigt worden“, „Meine Eltern haben es Disziplinierung genannt, aber es war Misshandlung“, dann zeigt das, dass die Heilung beginnen kann. Wenn wir das Gefühl haben, dass man uns zuhört und uns versteht, verändert sich unsere Physiologie.

Bottom-Up Ansatz

Der Begriff Bottom-Up bezeichnet, wie die Regulierung oder Dysregulation im Nervensystem sich auf Kognitionen auswirkt und unsere Emotionen und Gedanken beeinflusst.

Der Körper geht vor und der Geist folgt. Davon sind die moderne Neurowissenschaft und natürlich auch führende körperorientierte Psychotherapeuten überzeugt. Die meisten Menschen denken, ein Trauma sei ein psychisches Problem oder gar eine Gehirnstörung. Doch das stimmt so nicht. Ein Trauma passiert zuerst und vor allem im Körper. Die Erforschung mentaler Zustände und Prozesse, die ein Trauma begleiten, ist zwar wichtig, jedoch hilft sie bei der Transformation der Symptome nur begrenzt. So greifen Redekuren, die den Intellekt oder nur die Emotionen ansprechen, nicht tief genug. Wie bereits aufgezeigt, ist ein Trauma dadurch bedingt, dass wir in unseren primitiven und körperlichen Reaktionen auf schmerzliche Ereignisse stecken bleiben. Ein Trauma ist keine Krankheit oder medizinische Störung, sondern eine tiefe, menschliche Erfahrung, die in Überlebensinstinkten wurzelt.

Wie durch die Polyvagal-Theorie aufgezeigt, besteht unser ANS aus drei Subsystemen, die hierarchisch organisiert sind. Wir bzw. genau genommen unser Nervensystem, und somit unser Körper, reagiert grundsätzlich auf drei Arten. Unser Verstand hat darauf keinen wirklichen Einfluss und die Entscheidung darüber, welcher Weg eingeschlagen wird, unterliegt nicht unserem Willen. Ohne dass wir es überhaupt wahrnehmen, untersucht das ANS ständig die Umgebung und legt Prioritäten bezüglich unseres Verhaltens fest, die nicht kognitiver Art sind. Jede Reaktion ist eine Handlung im Dienst des Überlebens, um Gefahren einzugrenzen und Sicherheit zu suchen.

Wie ebenfalls aufgezeigt, können wir in unseren instinktiven, körperlichen Reaktionen „steckenbleiben“ – immer dann, wenn die aufgetretene maximale Erregung des Sympathikus und/oder dorsalen Parasympathikus nicht abgeführt werden kann. Der Organismus bleibt im Zustand des andauernden Hyperarousal bzw. in einer Störung im Ablauf des normalen Regulationsmechanismus des ANS. Die instinktiven biologischen Überlebensmechanismen (Kampf/Flucht und Immobilität/Erstarrungsreaktion) sind dann voll aktiviert, kommen aber nicht zum Abschluss. Schier banale Reize können dann erneut den Hyperarousal und die Erstarrungsreaktion aktivieren bzw. triggern. In allen drei Subsystemen geht der Körper also vor und wir folgen. Wir folgen mit unserem Verhalten, mit unseren Gedanken und Emotionen – wir verhalten uns so, wie es uns diese Strukturen vorgeben. Somit ist es nur logisch anzuerkennen, dass die Lösung bzw. Lockerung aus dem Zugriff des Traumas auch im Körper zu suchen ist, indem wir z.B. unsere instinktiven Reaktionen einladen, sich vollständig auszudrücken bzw. zu Ende abzulaufen.

So unterstreichen auch grundlegende Prinzipien der Neurologie die Bottom-Up Verarbeitung in der Therapie, indem das Gehirn auf evolutionär primitivere Funktionsebenen zurückgreift, wenn es gestresst ist, um erneut die differenzierteren, sozialen Funktionen zu aktivieren, wenn es sich erholt. Das Jacksonsche Prinzip der Aufhebung verdeutlicht dabei, dass die primitiveren Systeme die jüngeren und differenzierteren neurologisch-biologischen Subsysteme fast zur Gänze übernehmen und in ihren Funktionen wirkungsvoll unterbinden können. In anderen Worten, wenn unsere primitiven Überlebensinstinkte und insbesondere die Immobilisationsreaktionen aktiv werden, können sie unser Denken aufheben, was wiederum für die Bottom-Up orientierte therapeutische Begleitung spricht, denn Redekuren und kognitive Verhaltensänderungen stoßen in diesen Fällen auf keine entsprechenden Ressourcen.

Der frühe Entstehungszeitpunkt der meisten Entwicklungstraumen unterstreicht ebenfalls die Bedeutung der Bottom-Up Orientierung. Zum Zeitpunkt der Geburt voll funktionsfähig ist nur unser Reptilienhirn, das sich im Stammhirn befindet. Aus diesem Grund muss sich jede Traumabehandlung sehr früher Erfahrungen mit diesem Bereich und den damit verbundenen grundlegenden Körperfunktionen befassen. Das limbische System entwickelt sich größtenteils erst im Laufe der ersten sechs Lebensjahre. Erst ab dem zweiten Lebensjahr entwickeln sich die Frontallappen, die den größten Teil des Neokortex ausmachen. Der Hippocampus, der für konkrete Erinnerungen zuständig ist, ist zum Zeitpunkt vieler Entwicklungstraumen somit noch gar nicht voll ausgebildet. Wie bereits aufgezeigt, werden frühe Traumen somit implizit – nicht bewusst im Körper und Gehirn – gespeichert. Da unser implizites Gedächtnis außersprachlich ist, sind kognitiv orientierte Ansätze, die sich hauptsächlich verbaler Mittel bedienen, nur bedingt wirksam. Auch aus diesem Grund scheinen Techniken, die beim Körper ansetzen, besser geeignet zu sein.

Etwa 80% der Fasern des Vagusnervs sind afferent, das heißt, sie verlaufen vom Körper zum Gehirn. Das enterische Gehirn in unseren Eingeweiden (auch „Bauchgehirn“ genannt) kommuniziert somit durch den kräftigen Vagusnerv direkt mit dem „oberen“ Gehirn. Wenn wir das Zahlenverhältnis bedenken, haben unsere inneren Organe unserem Gehirn mehr zu sagen als unser Gehirn den inneren Organen. Der Vagusnerv verbindet also nicht nur Organe und Gehirn, sondern ist primär von den Eingeweiden Richtung Gehirn aktiv. Im Gegensatz zu früheren Theorien wissen wir heute, dass unsere Gedanken nicht der Oberbefehlshaber sind, sondern eine komplexe Verfeinerung dessen darstellen, was wir tun und wie wir uns fühlen. Mit anderen Worten, allein das Gefühl, dass sich uns der Magen umdreht, signalisiert dem Gehirn, dass wir schwer bedroht und in Gefahr sind, auch wenn augenblicklich gar nichts schiefläuft. Es ist sehr wahrscheinlich, dass durch die Veränderung der Botschaften, die von den inneren Organen an das Gehirn aufsteigen und mehr 80% der Vaguskommunikation ausmachen, die restlichen 20%, die absteigend vom Gehirn zu den Organen verlaufen, so stark beeinflusst werden, dass ein Gleichgewicht wiederhergestellt werden kann. Um ein Trauma also zu verhindern oder ein bereits bestehendes umzuwandeln, müssen wir uns unserer viszeralen Empfindungen bewusst werden.

Zusammenfassend unterstreichen die folgenden Punkte die die Bedeutung eines Bottom-Up orientierten therapeutischen Ansatzes:

• Ein Trauma wurzelt in unseren Überlebensinstinkten und somit in neurowissenschaftlich nachvollziehbaren körperlichen Vorgängen
• Die Entscheidung, wie wir bzw. unser Nervensystem reagiert, ist nicht kognitiver Art
• Unser Verhalten, Gedanken und Emotionen entsprechen größtenteils dem, wie es uns die jeweiligen Subsysteme des ANS bzw. die neurologischen Strukturen vorgeben
• Der sympathische Zweig des ANS spricht vor allem die Gliedmaßen an, während das Ziel der Aktivitäten des dorsalen Vagus-Astes die inneren Organe sind – beide, vom Social Engagement System abweichenden, Zustände haben somit ihre Entsprechung im Körper
• Im Stresszustand können die primitiveren neuronalen Systeme (Überlebensinstinkte; Stammhirn) die jüngeren und differenzierteren (Denken; Neokortex) fast zur Gänze übernehmen und in ihren Funktionen wirkungsvoll unterbinden
• Mit viszeralen Empfindungen zu arbeiten ist besonders wichtig, da es oft die einzige „Sprache“ ist, die das Stammhirn spricht und versteht
• Sehr früher Entstehungszeitpunkt von Entwicklungstraumen, bei dem der Neokortex und das Limbische System oft noch nicht voll ausgereift sind, sondern nur das Stammhirn
• Die implizite und nicht bewusste Speicherung früher Traumen im Körper
• Etwa 80% der Vagusfasern verlaufen von den inneren Organen und den Eingeweiden zum Gehirn – der Einfluss des Körpers darauf, wie es uns geht, erscheint sehr groß zu sein
• Bottom-Up Ansätze legen das Augenmerk auf den Körper, das Spürbewusstsein und die instinktiven Reaktionen, die durch das Stammhirn vermittelt werden und dann höher wandern, wo sie die limbischen und kortikalen Areale des Gehirns beeinflussen

Sicherheit, Kontakt und Präsenz

Wie kann man einem Menschen nun aus dieser unangenehmen Lage heraushelfen? Wie kann man sein System für soziales Engagement wieder aktivieren und gleichzeitig seine sympathische Mobilisierung hemmen und ihn aus dem hilflosen Immobilisierungszustand befreien? Das erste, was wir in jedem Fall erreichen und erleben müssen, ist Sicherheit. Sobald wir uns sicher fühlen, verändert sich unser physiologischer Zustand – sogar der Klang unserer Stimme und unser mimischer Emotionsausdruck verändern sich. Der Körper ist bereit, Heilung geschehen zu lassen, wenn Sicherheit in seinen Strukturen offenbar wird. Das Gefühl der Sicherheit hat für den Heilungsprozess eine besondere Bedeutung. Aus Sicht der Polyvagal-Theorie ist ein Mangel am Gefühl der Sicherheit der entscheidende Aspekt bei der Entstehung psychischer und physischer Krankheiten.

Neben der Auflösung der Anzeichen von Gefahr und dem Erkennen von Anzeichen für Sicherheit, sind immer wieder neue Gelegenheiten zur Co-Regulation wichtig – zuverlässige Beziehungen und gemeinschaftliche Aktivitäten mit Sicherheit vermittelnden Menschen. Ohne ausreichende Ressourcen im Sinne einer sozialen Unterstützung und einer sicheren Umgebung wiederholt sich in einer Art schmerzhafter autonomer Bandschleife ein Muster der Immobilisierung, Mobilisierung und erneuten Immobilisierung. Um uns aus dem Shutdown befreien zu können, müssen wir im übertragenen Sinne eine Hand auf unserem Rücken spüren. Immer wieder bestätigen Studien, dass ein gutes Unterstützungsnetzwerk der wirksamste Schutz gegen Traumatisierungen ist. Wenn wir entsetzt sind, beruhigt uns nichts so gut wie die Stimme oder die Umarmung eines Menschen, dem wir vertrauen. Verängstigte Erwachsene reagieren auf die gleichen Arten tröstender Zuwendung wie verängstigte Kinder. Unsere Bindungsbeziehungen sind unser bester Schutz gegen Gefahren.

Einer therapeutischen Begleitung, die eine Atmosphäre von relativer Sicherheit schafft, die Zuflucht, Hoffnung und neue Möglichkeiten vermittelt, kommt dabei natürlich auch eine besondere Bedeutung zu. Der bewusste Einsatz herzlicher Menschlichkeit kann eine tiefe therapeutischen Wirkung haben. Trotz der Dominanz der vagalen Immobilisierung und des sympathischen Erregungssystems sollten wir nicht unterschätzen, wie stark menschlicher Kontakt einem Menschen zu helfen vermag. So bewirkt die Präsenz des Therapeuten, dass wir uns gesehen und verstanden und so sicher fühlen, dass wir in unserem eigenen Erleben selbst präsent sein können, was der Vertiefung der therapeutischen Arbeit zugutekommt. Geerdet zu sein und der gegenwärtige Kontakt des Therapeuten zu sich selbst sind aber die entscheidenden Voraussetzungen dafür, dass er dem Klienten gegenüber einen Zustand der Eingestimmtheit und Responsivität entwickeln kann. Die Einstimmung des Therapeuten auf seine eigenen Erfahrungen ist dabei wie ein Leitstrahl, der den Heilungsprozess in die richtigen Bahnen lenkt.

Vor einer Therapiesitzung richtig durchzuatmen wirkt beruhigend. Der Atem ermöglicht uns einen direkten Zugang zum ANS. Indem wir die Geschwindigkeit des Atmens bzw. die Dauer von Ein- und Ausatmen verändern, sprechen wir die Vagus-Äste an, die den Herzschlag und die zum Gehirn übermittelten Botschaften beeinflussen. Die willentliche Regulierung des Atems mit Hilfe bestimmter Übungen kann somit psychische Zustände beeinflussen. Grundsätzlich verstärken langsameres Atmen und längeres Ausatmen die parasympathische Aktivität. Dies kann in belastenden Augenblicken die Wiederherstellung der ventral-vagalen Kontrolle unterstützen. Tun wir aber nichts weiter, als einfach die Aufmerksamkeit auf die Atmung zu richten, wird sie ebenfalls oft bereits langsamer und tiefer.

Körperempfindungen und Spürbewusstsein

Wenn wir nicht wahrnehmen, was unser Körper braucht, können wir nicht auf seine Bedürfnisse eingehen. Ohne Hungergefühl sehen wir keine Veranlassung, uns Nahrung zuzuführen. Falls wir Angst und Hunger miteinander verwechseln, essen wir möglicherweise zu viel. Und wenn wir nicht spüren, dass wir satt sind, hören wir nicht auf zu essen. Für die Genesung von einem Trauma ist es wichtig, die sinnliche Wahrnehmung zu kultivieren. Die meisten herkömmlichen Therapien messen den ständig wechselnden sensorischen Empfindungen nur wenig Bedeutung bei oder ignorieren sie völlig. Es ist allerdings besonders wichtig bei Trauma mit Empfindungen zu arbeiten, da es oft die einzige „Sprache“ ist, die das Reptiliengehirn spricht und versteht. Die neurowissenschaftliche Forschung zeigt, dass wir zum emotionalen Gehirn bewusst nur durch Selbstgewahrsein Zugang erlangen können. Sie zeigt, dass wir das, was wir fühlen, in Folge nur verändern können, indem wir uns unseres inneren Erlebens bewusst werden und lernen, uns mit dem, was in uns vor sich geht, vertraut zu machen.

Im Zentrum der Arbeit an der Genesung steht die Entwicklung von Selbstgewahrsein. Wir leben oft mit Empfindungen, die uns als unerträglich erscheinen. Wir fühlen uns untröstlich und leiden unter unangenehmen Gefühlen im Magen oder unter Angespanntheit im Brustkorb. Doch wenn wir diese körperlichen Empfindungen zu vermeiden versuchen, vergrößern wir die Gefahr, von ihnen überwältigt zu werden. Körpergewahrsein bringt uns mit unserer inneren Welt in Kontakt. Dies hilft uns unsere Perspektive zu verändern und eröffnet uns neue Möglichkeiten, die an die Stelle unserer automatischen, gewohnten Reaktionen treten könnten. Wenn wir die Aufmerksamkeit auf unsere Körperempfindungen richten, können wir möglicherweise auch eine Art „Ebbe und Flut“ bzw. die Flüchtigkeit unserer Emotionen erkennen, und dadurch unseren Einfluss auf sie größer machen. Die Erfahrung zu machen, dass Gefühle, ganz gleich, wie schrecklich sie zu sein scheinen, sich verändern können und werden. Die eigenen körperlichen Reaktionen registrieren und ertragen zu können ist eine Voraussetzung für eine gefahrlose erneute Konfrontation mit der eigenen Vergangenheit.

Jedes Detail der Traumatisierung eines Klienten zu kennen ist dabei für die Arbeit als Therapeut nicht wichtig. Entscheidend ist, dass wir selbst zu ertragen lernen, dass wir fühlen, was wir fühlen, und dass wir wissen, was wir wissen. Dieses Ziel zu erreichen kann in bestimmten Fällen auch länger dauern. Dazu müssen wir lernen, die herzzerreißenden Empfindungen, die möglicherweise mit Kummer und Demütigungen verbunden sind, zu beobachten und zu halten. Erst wenn wir halten können, was in uns vor sich geht, können wir anfangen, uns mit den Emotionen anzufreunden, statt dass wir versuchen, sie zu vernichten.

Eine weitere Möglichkeit besteht auch darin, sich anfangs Empfindungen der Erleichterung und Lebhaftigkeit zuzuwenden und mit Ressourcen zu arbeiten. Eine Ressource ist jede positive, stützende, stabilisierende Erinnerung, jede Person, jeder Ort, jede Handlung und jede persönliche Fähigkeit, die auf den Körper und die Psyche beruhigend wirkt. Kommen wir wiederholt mit positiven inneren Erfahrungen in Berührung, entwickeln wir allmählich die notwendige Zuversicht, um die innere Körperlandschaft weiter erforschen und alle eigenen Empfindungen annehmen zu können, seien sie nun angenehm oder unangenehm. Indem wir wiederholt zwischen den beiden gegensätzlichen Polen wechseln, erleben wir in wachsendem Maße die eigene Kompetenz. Durch das behutsame Pendeln zwischen Widerstand und Akzeptanz, Angst und Entspannung legen wir Teile unseres schützenden Panzers ab.

Langsame Erforschung der drei Systeme des ANS

Wenn Menschen in der Therapie noch einmal in die Immobilität hineingehen, hindurchgehen und wieder aus diesem Zustand herauskommen, erleben sie häufig eine gewisse Wut. Diese Empfindungen von ursprünglicher Wut sind generell Bewegungen zurück ins Leben. Tauchen Wut und andere intensive Körperempfindungen jedoch ganz plötzlich auf, können sie beängstigend sein. Bei einer wirkungsvollen Therapie unterstützt der Therapeut den Klienten bei diesem tiefgreifenden Prozess und leitet ihn an, langsam und allmählich vorzugehen. Eine wirkungsvolle Therapie unterbricht oder entschärft diese Feedbackschleife von Trauma und Angst, indem sie den Klienten darin unterstützt, die eigenen heftigen Empfindungen, Emotionen und Impulse zu halten, ohne davon überwältigt zu werden. Auf diese Weise kann sich die Immobilitätsreaktion so auflösen, wie es angelegt ist. Wenn wir lernen, die physischen Empfindungen der Immobilität ohne Angst zu erleben, lockert sich der Klammergriff des Traumas und wir kommen wieder ins Gleichgewicht.

Laut Polyvagaltheorie ist die Fähigkeit eines Menschen, Mitgefühl und Unterstützung zu empfangen und zu integrieren, wenn er abgeschaltet hat oder sich im sympathischen, übererregten Zustand befindet, weitgehend reduziert. Es ist ihm nicht möglich, ohne Weiteres Sicherheit zu empfinden und zu spüren, dass innerlich alles gut ist. Und auch wenn die Immobilisation selten total ist, vermag sie das Leben der betroffenen Person sowie deren Fähigkeit für soziale Kontakte doch weitgehend zu reduzieren. Glücklicherweise gibt es Möglichkeiten, der Dominanz des Immobilisationssystems über die beiden weniger primitiven Systeme zu entkommen.

Die Behandlungsmethode sollte sich also danach richten, welches der drei Systeme des ANS aktiviert ist und welche inaktiv bleiben. Hautfarbe, Atmung, Körperhaltung und Mimik geben allesamt Hinweise darauf, ob wir uns in der Immobilisation, Übererregung oder auf der Stufe des Social Engagement befinden. Wenn wir uns im Zustand der Immobilisation befinden, unterstützt uns der Therapeut als Erstes darin, unsere Energie zu mobilisieren, indem er uns hilft, uns die eigene physiologische Gelähmtheit und Verschlossenheit so weit bewusst zu machen, dass dieser Zustand normalisiert wird und zur sympathischen Mobilisierung übergeht. Der nächste Schritt besteht darin, behutsam durch die plötzliche Selbstschutzaktivierung geleitet zu werden, die dem sympathischen Zustand zugrunde liegt, damit wir unser Gleichgewicht zurückgewinnen und ins Hier und Jetzt kommen.

Impulse zu Ende bringen – Ausdruck instinktiver Reaktionen

Traumatisches zu erleben, ist nicht auf unsere Spezies beschränkt – wilde Tiere sind immer wieder lebensbedrohlichen Gefahren ausgesetzt, werden dadurch jedoch nicht nachhaltig traumatisiert. Wie begegnen sie diesen Situationen, nachdem sie Flucht, Kampf oder auch einen Immobilisierungszustand in Form von Totstellen hinter sich gebracht haben? Sie zittern. Nachdem ihr überschüssiges Adrenalin auf diese Weise aus dem Körper ausgeschüttelt wurde, kehren sie in den Normalzustand zurück. Wie Säugetiere sich von extremer Angst und anderen intensiven emotionalen Zuständen wie Wut und Verlust erholen, kann durchaus wegweisend für unsere eigene Genesung von Trauma sein. Denn Ähnliches passiert auf eine natürliche Art und Weise auch in unserem Körper. Durch Zittern verlassen wir den angespannten, durch ein Trauma verursachten Zustand. Es ist die Art wie sich unser Körper sich selbst von einem aktuellen traumatischen Erlebnis befreit. Dies wird auch als Neurogenes Zittern bezeichnet. Leider sind wir jedoch oft versucht, diesem natürlichen Zittern entgegenzuwirken und es willentlich zu unterbinden, da es nicht unseren sozialen und gesellschaftlichen Gepflogenheiten entspricht. Kinder können dies übrigens noch sehr natürlich und unvoreingenommen geschehen lassen.

Und dabei kennen wir das alle – wir zittern häufig, wenn uns kalt ist, wir besorgt, ärgerlich oder ängstlich sind. Vielleicht zittern wir auch, wenn wir verliebt sind oder einen Orgasmus erleben. Neurogenes Zittern kann also ein Katalysator für authentische Transformation und tiefe Heilung sein. Mit diesen Bewegungen schüttelt unser Nervensystem die jüngste aufregende Erfahrung ab und erdet uns, sodass wir bereit für die nächsten Erfahrungen sind. Diese Mechanismen helfen uns, nach Bedrohungen oder großer Erregung unser Gleichgewicht zurückzugewinnen. Tatsächlich bilden diese physiologischen Reaktionen den Kern von Selbstregulation und Resilienz. Unter therapeutischer Anleitung können bestimmte Übungen den körperlichen Zittermechanismus wachrufen, bei dem auch tiefe, chronische Verspannungen zum Teil losgelassen werden können, die durch diverse Schock- oder Trauma-Erlebnisse entstanden sind. Regelmäßig angewendet können diese Übungen darüber hinaus zu verhindern helfen, dass alltäglicher Stress in chronischen Verspannungen resultiert.

Der Körper reagiert auf extreme Erlebnisse, indem er Stresshormone ausschüttet. Menschen, die etwas tun, nutzen ihre Stresshormone für Zwecke, für die sie tatsächlich gedacht sind, weshalb bei ihnen die Gefahr einer Traumatisierung wesentlich geringer ist. Hilflosigkeit und Immobilisierung können Menschen davon abhalten, ihre Stresshormone für die Verteidigung zu nutzen. Für Probleme dieser Art wurden sehr wirksame körperbasierte Therapieformen entwickelt, zum Beispiel die Sensumotorische Psychotherapie von Pat Ogden und Somatic Experiencing von Peter Levine. Im Vordergrund steht dabei die Erforschung körperlicher Empfindungen und die Lokalisation der Nachwirkungen traumatischer Erlebnisse im Körper selbst.

Sobald wir es ertragen können, unsere traumabasierten körperlichen Empfindungen wahrzunehmen, entdecken wir wahrscheinlich auch die starken körperlichen Impulse, die wir während des traumatischen Erlebnisses verspürt haben, die wir aber unterdrücken mussten, vielleicht auch um überleben zu können. Durch Verstärkung dieser Impulse und durch Experimentieren mit verschiedenen Arten, sie zu modifizieren, wird der Prozess der Vollendung unabgeschlossener Handlungstendenzen initiiert, der letztendlich zur Auflösung des Traumas führen kann.

Die Erfahrung von Angst beruht auf den primitiven Reaktionen auf bedrohliche Situationen, in denen eine Flucht nicht möglich ist. Können wir hingegen die eigenen ursprünglichen Reaktionen von Flucht oder Angriff ungehindert in die Tat umsetzen, empfinden wir nicht unbedingt Angst, sondern die reinen und kraftvollen, ursprünglichen Empfindungen des Kämpfens oder Fliehens. Das Gefühl von eigener Kraft beruht direkt auf der Überwindung der physischen Ohnmacht und Hilflosigkeit und stellt das biologisch bedeutungsvolle aktive Abwehrsystem wieder her. Wenn Muskeln aufgeben und zusammenbrechen, fühlen wir uns hilflos und wie geschlagen. Doch trotz dieses Zusammenbruchs existieren die Signale, die uns schützen sollten, in den schlaffen Muskeln weiter, auch wenn ihnen die Kraft, Lebendigkeit und Fähigkeit dazu verloren gegangen ist. Die Wiederherstellung dieser Selbstschutzreaktion passiert, in dem bestimmte Verspannungsmuster bestimmte Bewegungen vorgeben bzw. „vorschlagen“, die sich dann unterschiedlich ausdrücken können. Wenn wir, sorgfältig dosiert, unsere instinktiven Reaktionen einladen, sich vollständig auszudrücken, kann sich der Zugriff des Traumas lockern.

Strikt von solch heilsamen Prozessen zu unterscheiden sind ebenfalls in der Traumatherapie verbreitete Formen kontrollierter Reizüberflutung, die, wie Studien belegen, oft wenig Hilfe bieten. Diese Ansätze greifen einfach zu kurz, weil sie das Gefühl von Zusammenbruch und Hilflosigkeit oft noch verstärken und oft den inneren Heilprozess kognitiv zu erzwingen versuchen. Es sind viel mehr Gefühle, zu denen wir durch Körpergewahrsein Zugang bekommen, statt durch das hauptsächlich „intellektuelle“ Abreagieren und Herauslassen von Emotionen, die dauerhafte Veränderungen bringen.

Therapeutische Arbeit mit außergewöhnlichen Bewusstseinszuständen

Einige bewährte, erfahrungsorientierte therapeutische Methoden arbeiten direkt mit dem Ausdruck instinktiver Reaktionen oder Emotionen und fördern bewusst die Wahrnehmung der körpereigenen Empfindungen, sowie intensivieren diese ggf. zu einer Heilung hin.

Bereits Wilhelm Reich konnte beobachten, dass psychische Widerstände und Verteidigungsmechanismen mit einer eingeschränkten Atmung zusammenhängen. Ein z.B. über einen längeren Zeitraum ausgedehntes schnelleres Atmen kann die Chemie des Organismus insoweit verändern, dass psychische Verteidigungsmechanismen gelockert werden, sodass blockierte körperliche und emotionale Energien, die mit verschiedenen traumatischen Erinnerungen verbunden sind, freigesetzt werden können. Diese können dann an die Oberfläche treten und verarbeitet werden. Dies würde das Auftauchen von zuvor verdrängten Inhalten in das Bewusstsein ermöglichen, wo sie integriert werden können. So verbindet z.B. die Holotrope Atemtherapie diese Mechanismen mit sorgfältig ausgewählter Musik, die den Ausdruck mit verdrängten Erinnerungen verbundener Emotionen erleichtert bzw. auch intensiviert und so den Heilungsprozess vertieft. Das kontinuierliche Fließen der Musik erzeugt eine Trägerwelle, die dem Individuum hilft, durch schwierige Erfahrungen und Blockaden hindurchzugehen, psychische Abwehrmechanismen zu überwinden, sich hinzugeben und loszulassen.

Dabei ist es besonders wichtig, die sehr individuelle innere Heilintelligenz anzuerkennen und dieser, sowie dem heilsamen Prozess zu vertrauen, im gegenwärtigen Augenblick zu bleiben, sich auf die Gefühle und körperlichen Empfindungen zu konzentrieren und sich jeglicher intellektuellen Analyse zu enthalten. Geben wir uns dem Prozess völlig hin, dann kann der außergewöhnliche Bewusstseinszustand automatisch unbewusste Inhalte an die Oberfläche holen, die emotional stark aufgeladen sind und zu deren Verarbeitung wir bereit sind. Auch die Reihenfolge, in der diese Inhalte auftauchen, sind ganz vom persönlichen, inneren Rhythmus bestimmt. Die Arbeit mit außergewöhnlichen Bewusstseinszuständen kann eine völlig neue Herangehensweise bieten, die den therapeutischen Prozess wesentlich vereinfacht. In diesen Zuständen wird ein „inneres Radar“ aktiviert, das automatisch das Material mit starker emotionaler Ladung ausfindig macht und es zur Bearbeitung ins Bewusstsein hebt. Der Therapeut muss nicht währenddessen aktiv in diesen Prozess eingreifen, sondern unterstützt diesen auf eine intelligente Weise.

Es scheint ein Aufeinanderprallen unterschiedlicher Paradigmen vom Verständnis der Natur und der Funktion der Symptome zu geben – herkömmliche Therapien sehen diese oft als die Störung selbst. Dabei hat symptomatische Therapie nur in zwei Fällen Sinn: Als Ergänzung einer Therapie, welche die Ursachen angeht oder in Fällen unheilbarer Krankheiten. Symptome sind vielmehr Manifestationen eines Impulses zur Selbstheilung in einem Organismus, der versucht, sich von traumatischen Erinnerungen und anderem verstörenden Material des Unbewussten zu befreien. Das Auftauchen von Symptomen und deren vollständigen Ausdruck sollte man unterstützen, statt diese zu unterdrücken. Zur Heilung kommt es durch die zeitweilige Intensivierung der Symptome.

Es besteht wenig Zweifel an der Brauchbarkeit des Holotropen Atmens als einer Form der Therapie. Eine Gesprächstherapie kann sich oft über einen Zeitraum von mehreren Jahren erstrecken und erstaunliche große Durchbrüche lassen oft auf sich warten und sind selten. Im Vergleich dazu kann es in Sitzungen außergewöhnlicher Bewusstseinszustände, wie es z.B. die holotropen Atemsitzungen, oder auch die gerade weltweit in therapeutischen Kreisen im Durchbruch befindliche psychedelika- bzw. substanzunterstütze Psychotherapie ermöglichen, im Laufe weniger Stunden zu tiefgreifenden Veränderungen kommen. Auf der oberflächlichsten Ebene werden dabei alle therapeutischen Mechanismen wirksam, die aus den Gesprächstherapien bekannt sind. Diese Mechanismen werden jedoch durch den außergewöhnlichen Bewusstseinszustand, in dem man sich befindet, außerordentlich verstärkt und vertieft. Er vermindert die psychischen Abwehrmechanismen des Individuums und den Widerstand dagegen, sich der Erinnerung an schmerzliche Ereignisse in der Vergangenheit zu stellen. Anders als in der Gesprächstheorie können diese Erinnerungen nicht nur erinnert, sondern auch in voller Altersregression wieder erlebt werden, mit allen ursprünglichen Gefühlen und körperlichen Empfindungen, die damit verbunden waren.

Was diesen Punkt bzw. das Wiedererleben von Kindheitstraumata angeht, so wird oft gefragt: Warum soll dieser Prozess therapeutisch und heilsam sein? Was ist mit dem Risiko der Retraumatisierung? Im Prinzip ist die Antwort ganz einfach. Die einzigartige Natur des außergewöhnlichen Bewusstseinszustandes ermöglicht es uns, gleichzeitig zwei ganz verschiedene Rollen zu spielen. Einerseits identifizieren wir uns auf sehr authentische und überzeugende Weise mit dem betroffenen inneren Kind. Gleichzeitig aber behalten wir die Verstandeskräfte des gereiften Erwachsenen bei. Diese Situation ermöglicht es, das ursprüngliche Ereignis mit den primitiven Gefühlen und Empfindungen des z.B. kleinen Kindes voll zu erfahren und diese gleichzeitig vom Standpunkt des Erwachsenen zu verarbeiten. Es ist offensichtlich, dass ein Erwachsener mit vielen Erfahrungen umzugehen vermag, die während der Kindheit unbegreiflich verwirrend und unerträglich waren. Außerdem ist die Situation wegen des therapeutischen Rahmens und der Unterstützung von Menschen, denen wir uns anvertrauen können, völlig anders, als es die Umstände waren, unter denen es zu dem ursprünglichen Trauma kam. Wenn eine solche traumatische Erinnerung ins Bewusstsein gehoben wird, ist es nicht nur so, dass die Menschen das ursprüngliche Ereignis einfach wieder erleben. Sie erfahren es zum ersten Mal voll und ganz bewusst. Dies macht es ihnen möglich, es zu beenden, abzuschließen und zu integrieren.

Dies wird u.a. auch vom irischen Psychiater Ivor Browne in seiner Arbeit „Unexperienced Experience“ bestätigt. Laut seiner These geht es dabei nicht um eine exakte Nachbildung oder Wiederholung des ursprünglich traumatisierenden Erlebnisses, sondern um die erstmalige, volle Erfahrung der angemessenen emotionalen und physischen Reaktion dazu. Zum ursprünglichen Zeitpunkt wird Trauma im Körper gespeichert und nicht vollständig bewusst erfahren, verarbeitet und integriert.

Psychedelische Forschung im Bereich der Psychotherapie wird nach jahrzehntelanger Tabuisierung aktuell weltweit in allen fachspezifischen, aber auch allgemeinen Medien diskutiert. Weltweit erhält die psychedelische Therapie beschleunigte Zulassungsverfahren – die Zulassung bestimmter Substanzen zur therapeutischen und klinischen Nutzung bei behandlungsresistenten Depressionen und PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung) steht kurz bevor. Zahlreiche Studien bestätigen die wirklich erstaunlichen Ergebnisse. Eine Entwicklung, die den gesamten psychotherapeutischen Markt in naher Zukunft komplett verändern könnte. Bis diese Form von Therapie jedoch auch bei uns anwendbar wird, kann und wird es noch dauern. Im Moment kann man an dieser Stelle nur an das Ausland und die dortigen jeweiligen Therapiemöglichkeiten, z.B. im Rahmen einer Studie namhafter Kliniken verweisen.

Berührungen, Körperarbeit und Integration

Die natürlichste Art, auf die wir Menschen uns beruhigen können, wenn wir leiden, sind Berührungen, Umarmungen und wiegende Bewegungen. Diese können unsere ganze Welt entspannen und wir sind weniger gestresst. Sogar die Biochemie unseres Gehirns verändert sich positiv und dramatisch, wenn wir berührt werden. Auch bei seelischem Schmerz wirken Berührungen oftmals mehr als Worte, sie vermitteln emotionale Tiefe. Emotionen selbst können durch Berührung viel eher als durch Worte vermittelt werden. Berührung, das elementarste Werkzeug, das uns zur Verfügung steht, um andere Menschen zu beruhigen, darf aber bei den meisten psychotherapeutischen Praktiken nicht genutzt werden. Doch kann niemand völlig genesen, wenn man sich nicht wohl und sicher in seiner Haut fühlt. Deshalb wird oft empfohlen, sich auf irgendeine Form von Körperarbeit einzulassen, beispielsweise auf therapeutische Massage, Reiki oder Craniosakral-Therapie. Achtsame Berührung und Bewegung erdet Menschen und ermöglicht ihnen, Anspannungen zu entdecken, die sie seit langer Zeit festhalten und deren sie nicht einmal mehr bewusst sind. Berührungen wecken den berührten Körperbereich auf. Der Körper ist physisch beeinträchtigt, wenn in ihm Emotionen festgehalten werden. Die Schultern verkrampfen sich dann z.B., und die Gesichtsmuskeln erstarren. Man muss in diesem Zustand sehr viel Energie darauf verwenden, seine Tränen – oder auch Geräusche oder Bewegungen, die den eigenen inneren Zustand verraten könnten – zurückzuhalten. Wird die physische Anspannung jedoch gelöst, können auch die dahinterliegenden Gefühle frei werden. Der Körper wird dann freier.

Berührung ist überlebenswichtig. So sehen Babys anfangs nur ca. 30 cm und auch das Hören ist erst nach 4 Wochen voll ausgereift. Erster Kontakt zur Außenwelt erfolgt somit über Berührungen, die auch die Bindung stärken. Eine Berührung gibt Sicherheit, dass da jemand da ist, der sich um einen kümmert. Sie ist eine grundlegende, absolute Notwendigkeit, die wir Menschen haben, wie Luft und Nahrung. Doch Berührungs-Reize betreffen eben nicht nur Babys, sondern auch Erwachsene.

Doch nicht nur Körperarbeit kann sich positiv auswirken. Jede erdenkliche Art und Weise, die den eigenen Ausdruck fördert, emotional oder körperlich, wirkt beim Prozess der inneren Heilung unterstützend – z.B. malen, schreiben, musikhören, meditieren, kochen, tanzen oder spazieren gehen. Im Garten zu arbeiten, Jogging, Schwimmen oder andere Formen von physischer Arbeit oder Training können nützlich sein, um ein Übermaß an aufgestauter körperlicher Energie freizusetzen. Wir sollten versuchen uns täglich etwas Zeit dafür zu geben.

Generell, sei achtsam, sanftmütig und freundlich zu Dir selbst, geleitet von Deiner eigenen Weisheit der Inneren Heilung. Schenke Deinen Prozessen Zeit, sowie Vertrauen und ein „Ja“ zum Hinschauenwollen. Eine große Heilkraft kann sich in schwierigen Gefühlslagen verstecken – gib Dir Raum und Zeit zum Beobachten und erlaube Gefühlen und Emotionen hochzukommen, auf ihrem natürlichen Weg aus dem Körper.